Mitten in der Nacht wurde ich durch ein Geräusch wach. Ein kleiner Lichtschein befand sich direkt neben meinem Bett am Fußende. Er kam von kleinen Streichhölzern, die Maya in ihren steifen Fingerchen hielt. Sie zündelte! „Maya!“ rief ich, „Was tust Du da?“ Mit einem dünnen hohen Stimmchen antwortete sie: „Na, das siehst du doch! Muss ich dir denn alles erklären?“ Ich schluckte. So, wie sie da auf dem Boden saß, mitten in der Nacht, hatte ich sie noch nie gesehen. Ihre Haare standen ihr ein wenig stumpf vom Kopf. Ihre sonst so niedlichen Kulleräuglein waren nicht zu sehen; vielmehr lag ihre ganze Augenpartie in einer dunklen Höhle, die sich wie ein tiefer Schlitz unter ihrer hohen Stirn befand. Ihr Anblick machte mir Angst. Schnell griff ich zum Lichtschalter der Nachttischlampe, um die satanische Stimmung, die von Maya ausging, zu zerstreuen. Aber das Licht ging nicht an. „Geht nicht“, sagte Maya, und hielt grinsend den abgetrennten Stecker der Nachttischlampe hoch. „Kaputt!“ Höhnisch zog sie die Achseln hoch und ließ einen giecksigen Stöhner hören, der mir eine Gänsehaut bereitete. Dann wandte sie sich wieder den Streichhölzern zu. „Kleinen Moment, ich will nur schnell dein Bett anzünden!“ Ich schluckte. „Maya, warum willst du das Bett anzünden?“ „Na, um Dich zu töten“, gab Maya zurück „muss ich dir denn alles erklären?“ Sie schaute nicht einmal zu mir auf, als sie das sagte, sondern versuchte weiterhin, ein neues Streichholz zu entzünden und dann gegen den Bettpfosten aus Holz zu halten.
„Ja, das musst du“, gab ich zurück. Jetzt bemerkte ich, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte, wahrscheinlich war ich gefesselt. Mir wurde heiß vor Entsetzen, bis mir der Schweiß von der Stirn rann. Ich versuchte mich zu beruhigen, aber ich bekam beinahe keine Luft. Sollte ich jetzt auch noch einen Asthmaanfall bekommen?
Maya hielt inne und schaute mich an. Ihre Augen waren noch immer nicht zu sehen, nur ihr hassverzerrter Mund und ihre hochgezogenen Schultern strahlten eine Aggressivität aus, wie ich sie nie an ihr vorher wahrgenommen hatte. „Du weißt, warum ich dich umbringen muss“ sagte sie nun, „wegen Onkel Waldemar!“ Ich schluckte, und mir wurde noch heißer. Onkel Waldemar war der Bruder der Frau meines Onkels, also angeheiratete Verwandtschaft. Ich hatte ihn in meiner Kindheit, vielleicht mit 11 Jahren, zuletzt gesehen.
Es war auf einer Familienfeier, und er spielte mit uns Kindern verstecken. Er war sehr nett zu uns. Als er mich einmal aufforderte, mich mit ihm zusammen zu verstecken, entfernten wir uns ein Stückchen von der Lichtung, auf der unsere Familie ein großes Grillfest veranstaltete.
Hinter einem Busch versuchte er, mich zu küssen, indem er seine Zunge in meinen Mund schob. Ich erinnere mich genau, wie abstoßend und eklig ich den eben noch netten Onkel plötzlich fand. Ich wollte weglaufen, aber er hielt mich fest am Arm. Ich schrie und konnte mich endlich losreißen. Panisch und verängstigt lief ich zu meiner Mutter und erzählte ihr von der eben erlebten Szene. Meine Mutter schlug sofort Alarm und ließ die Polizei kommen, was von dem Rest der Verwandtschaft stark kritisiert wurde. Ich weiß noch, wie ich mich zitternd in ihre schützenden Arme schmiegte, während sie selbst zitterte. Wir standen wohl beide unter einem kleinen Schock.
Onkel Waldemar lief zwar fort, erhielt aber später eine Anzeige wegen Körperbelästigung, glaube ich. Von da an war er in unserer Familie tabu. Wir redeten nicht über ihn. Viel später, als ich ungefähr Mitte zwanzig war, erfuhr ich, dass Onkel Waldemar kurze Zeit nach diesem Vorkommnis in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde, angeblich wegen eines Nervenzusammenbruchs. Dort sollte er, nach gut 15 Jahren, noch immer leben. Wo er sich heute befindet, weiß ich nicht. Mittlerweile war ich ja 52 Jahre alt! Und mein halbes Leben hatte ich nicht mehr an dieses Ereignis gedacht.
Mayas Worte trafen mich. „Wie meinst du das?“ fragte ich zurück, „ich bin doch nicht Schuld an Onkel Waldemars Schicksal!“ „Bist du doch!“ entgegnete Maya trotzig. „Aber darum geht es heute nicht. Es muss endlich Schluss sein mit Onkel Waldemar und dir!“ Bevor ich entgegnen konnte, dass ich ihn doch schon eine Ewigkeit nicht gesehen hätte und ich nicht verstand, wie sie das meinte, fing der Bettpfosten Feuer, und mein linker Fuß wurde heiß, so heiß!
Dann erwachte ich, atemlos und schweißgebadet in meinem Bett. Vom Heizkissen aus, das ich mir unter meine immer kalten Füße gelegt hatte, ging ein merkwürdig elektrischer Geruch aus. Im Zimmer war es stockdunkel, und meine Nachttischlampe ging nicht an, als ich versuchte sie anzuknipsen. Auch mein Radiowecker war aus. Dann verstand ich: Kurzschluss! Mein Herz pochte noch, als ich das Heizkissen aus der Steckdose zog und dann zum Sicherungskasten tapste. Langsam beruhigte ich mich wieder. Schließlich ging ich zurück in mein Schlafzimmer.
Auf der Kommode saß, als wäre nichts gewesen, meine Puppensammlung, darunter auch Maya. Sie war meine älteste Puppe, die mir mein letzter Freund geschenkt hatte. Ich schaute die Puppe an: Sie hatte wieder die hübschen großen Kulleräuglein, die aus einem friedlichen Pausbackengesicht zu mir herüberschauten. Sie war wie immer gut frisiert, mit einer kleinen glitzernden Spange in ihrem glänzenden Haar. Ihr Mund war entspannt. Natürlich war er das! Schließlich ist Maya doch nur eine Puppe!
Dennoch nahm ich sie, zog mir meinen Morgenmantel über und öffnete die Haustür. Die Nachbarn mögen sich gewundert haben, warum sie im Innenhof nachts um vier Uhr das Klappern des Mülleimers wahrnahmen, aber das musste einfach sein, nach diesem Traum.






