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Es war der wärmste Frühlingsmorgen, den es in diesem Jahr gab. Sie hatte unruhig geschlafen, und deshalb hatte sie sich, nachdem sie ihre Kinder und ihren Mann versorgt und zur Tür gebracht hatte, noch einmal auf ihr ungemachtes Bett gelegt. Sie war nur mit einem Pyjama bekleidet. Der Stoff des Pyjamas war hauchzart. Auf der rosafarbenen Grundfarbe fanden sich filigrane Stickereien in Pastell; kleine Paradiesvögel und Blümchen. Ihren Nachtzopf hatte sie schon gelöst, und nun flossen ihre rötlichen langen Haare offen über das Kissen. Sie hatte die Augen geschlossen, und doch merkte sie, wie die Sonne, die durchs Fenster hineinlugte, ihren Körper beschien und wärmte. Und sie träumte sich in ein Paradies hinein, in ein rosafarbenes Paradies, wie es auf ihrem Pyjama zu sehen war.
Ich schaue in den Spiegel. Wo ist der kleine Junge mit den großen Augen geblieben, der staunend und neugierig in die Welt blickt? Ich kann ihn nicht mehr sehen.
Statt dessen schaut mich ein alter Mann mit Bartstoppeln und stumpfen Augen an. Nichts in diesem Gesicht beherbergt die Frische, die es doch einmal in meinem Gesicht gegeben haben muss…
Als Kind war ich immer auf der Suche nach Spiel und Spaß. Wollte die Freiheit und Unbeschwertheit des Kindes leben. Haschte nach meinen Träumen und rannte mit dem Wind um die Wette.
Aber nur, wenn niemand schaute. Wenn jemand mich – so glücklich, fröhlich, ausgelassen sah, hieß es gleich ‘Komm lieber rein, du erkältest dich draußen nur!’ oder ‘Du musst jetzt essen!’ Oder schlafen. Oder stillsein. Oder, oder, oder.
Heute suche ich noch immer nach Spiel und Spaß. Doch dabei wende ich einen Trick an: Ich verhalte mich nur so, wie man es immer von mir verlangt hat. Ich atme nicht mehr die Luft, sondern tue nur so als ob. Wenn es früher die Weite war, nach der ich verlangte, fühle ich mich heute nur noch in der Enge wohl, wenn ich meine Ruhe habe vor euch da draußen. Nur zu dem einen Zweck, um in meinem Kopf vor dem Computer die Freiheit, die Lust, die Freude, den Wind auferstehen lassen kann! Ich bin nicht mehr auf der Suche, ich habe gefunden, auf meine Art. Meine Suche ist zur Sucht geworden.
Heute war wieder so ein Tag, an dem sie Schwierigkeiten hatte, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollte sie heute nochmal alles machen? Als Freiberuflerin, die von zu Hause arbeitet, musste sie sich ständig der Herausforderung stellen, sich selbst zu motivieren. Wenn sie keinen unmittelbaren Termindruck verspürte, verlangsamte sich ihre Arbeits- und Lebensweise derart, als sei sie eine Schnecke, die ziellos durch das Gemüsebeet tapert und sich nicht entscheiden kann, welchen Salatberg sie sich denn nun als Erstes vornehmen sollte. Naja, nicht ganz so. Die Schnecke wenigstens wurde für ihre Entscheidung und ihr Tagwerk unmittelbar mit dem leckeren Geschmack und einem zufriedenen Bauchgefühl belohnt; zwar fühlte auch sie sich wohl, wenn sie den Tag gut nutzen konnte und vielleicht auch ihren Arbeitsberg etwas abbauen konnte, aber auch wenn es heißt, dass Arbeit süß sei, kam die Belohnung nicht gleich. Na gut.
Wie dem auch sei: Sie wusste genau, dass, wenn sie sich überwinden könnte, es ein ziemlich guter Tag werden würde. Nur ist es eben auch manchmal kaum auszuhalten, eine ganze lange Reihe guter Tage zu ertragen, dachte sie bei sich sarkastisch. Und dann müsste halt die Selbstverhinderung eingreifen, damit nicht alles zu und zu toll würde. Haha!
Sie ging in die Küche und machte sich einen Tee. Ich sollte nicht zuviel darüber nachdenken, was vielleicht schiefgehen könnte. Einfach dransetzen und loslegen zu arbeiten – nicht denken, keine Ablenkung -
Dann saß sie am Computer, stellte ihn an und dachte nicht nach und legte los. Es könnte doch noch ein guter Tag werden.
Schon von Weitem sah ich der Frau, die mir entgegenkam, an, dass etwas nicht stimmte, nur was? Ein weiter, hellbrauner Mantel, aus dem ein bunter Schal hervorlugte, umhüllte ihre füllige Figur. Der Hut, der die selbe Farbe trug, legte ihre Augenpartie in den Schatten. Es war eine Afrikanerin. Irgend etwas stimmt mit den Augen nicht… immer wieder führte sie ein Stofftaschentuch an die Augen. Dann sah ich es: Sie weinte. Doch kein Geräusch drang zu mir, es war ein stilles Weinen, und das war vielleicht noch trauriger, als wenn man ein lautes Schluchzen und Jammern hätte vernehmen können. Dieser Schmerz musste noch schlimmer sein, so schlimm, dass der Körper kaum ein Mittel fand, sich davon zu befreien oder ihm Luft zu machen.
Auch ich bekam einen Kloß im Hals. Ich ging an ihr vorbei – was hätte ich auch tun können für sie, die ich doch gar nicht kannte? Der Anblick hatte mich so deprimiert, dass auch ich anfing, ein wenig zu weinen.
Wenn die Sonne scheint über die vom Winter gezeichneten Wiesen und Felder, wenn der See einladend glitzert, wenn sich der Himmel blau und herrlich über die Weite des Landes spannt, wenn alles einladend und verführerisch aussieht, dass man denkt, man könne nach langer, verfrorener Zeit einen Spaziergang wagen und das schöne Wetter genießen, aber es ist nicht so, dann haben wir – wie man in Island sagt – ‘Fensterwetter’.
Denn wenn wir uns tatsächlich vor die Tür wagen, umfasst uns gleich ein unfreundlicher und heftiger Wind, so kalt, dass unser Kopf zu zerplatzen droht und die Ohren sogleich schmerzen. Die Hände werden kalt, der dickste Mantel reicht kaum aus, sich vor der Kälte zu schützen. Dann heißt es: Lieber gleich wieder hineingehen, einen heißen Tee aufsetzen, sich an das Fenster setzen und das schöne Wetter von drinnen, in behaglicher Wärme, genießen!
Oft sehe ich sie in meiner Straße: Die junge Frau mit ihrem Collie. Ich sehe sie manchmal morgens, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit bin, habe sie aber auch, als ich einmal krank war, am späten Vormittag gesehen, und am frühen Nachmittag ebenso. Oft aber sehe ich sie, wenn es schon dunkel ist. Die Frau ist vielleicht Mitte zwanzig. Ihre hellbraunen Haare hat sie zu einem glatten Zopf gebunden. Sie trägt meistens eng sitzende Hosen, die wegen ihres Gewichtes groß ausfallen. Ich habe sie noch niemals gegrüßt, obwohl wir uns fast täglich begegnen. Ihr Augen, ihr verschlossener Gesichtsausdruck verraten mir schon, dass sie es nicht wünscht, angesprochen zu werden. Jedenfalls denke ich das. An der Leine führt sie ihren Hund; einen schönen Collie, der aber bereits seit zwei Jahren, als mir das Gespann das erste mal auffiel, auf drei Beinen humpelt. Es ist ein freundliches Tier, ein treues Tier, das bestimmt nichts auf seine Besitzerin kommen ließe.
Und doch strahlt das Gespann etwas Melancholisches aus: Sei es, dass der Hund vielleicht schon seit zwei oder mehr Jahren eine Schonhaltung einnimmt, oder sei es, dass die junge Frau den Eindruck macht, nicht vor- und nicht zurückzukönnen in ihrem Leben. Ich möchte mich so gern täuschen in diesen beiden Wesen, die sich bestimmt untereinander viel Liebe geben, viel Bestätigung – im guten wie im schlechten Sinne. Vielleicht.
Ich wünsche mir, den Collie zu sehen, wie er auf allen vier Beinen einem Stock hinterherjagt, den die junge Frau – strahlend und lebensfroh – wirft, und dann mit ihrem Hund um die Wette tollt. Ich wünsche mir, die junge Frau zu sehen mit einem Mann, Arm in Arm spazierend, glücklich.
Ich wünsche das nicht nur mir. Ihr auch. Doch am meisten wünsche ich mir, dass der Eindruck von diesem verletzten Paar trügt und es sich alles ganz anders verhält als ich es mir nicht vorzustellen wage.
Leute, macht euch nichts draus, wenn ihr keinen Valentinsgruß abkriegt! Ja, ist es denn nötig, einen Tag zu bestimmen, an dem man daran denken soll, wen man liebt? Ich meine, so ein Tag macht Sinn für andere Dinge, z.B. der Volkstrauertrag: Da gedenkt man ganz offiziell der Toten, aber auch dieser Tag eignet sich eigentlich auch nur für die Toten, an die man nicht sowieso von allein immer wieder denkt. Ach, ist eigentlich auch Quatsch.
Jedenfalls nervt es mich, dass die Werbung und die Medien diesen Tag so ausschlachten, und dann soll man am Besten dazu noch etwas schenken, wenn man dem ganzen Rummel folgt! Das kurbelt die Wirtschaft ungeheuer an, aber Leute, ist das nicht auch irgendwie eine Vollverarschung? Ich meine, ist es nicht besser, jeden Tag seine Liebe spüren zu lassen? Ihr Mitte-November-Geborenen: Wisst Ihr eigentlich, was Sache ist? Ihr seid gezeugt worden, weil die Medien diesen Valentinstag vorgeben, ist euch das eigentlich klar???
Ich finde es scheußlich, mich und meine Gefühle von den Medien verplanen zu lassen. Und hoffe doch sehr – und es liegt in meiner Hand – die Menschen, die ich liebe das immer spüren zu lassen. Jeden Tag. Oder wenigstens, wann ich es bestimme.
Es gibt Tage, da scheint nichts zu klappen. Und dieser 19. November gehörte dazu wie ein Fisch in die Pfanne, ein Loch in einem Zahn oder eine Torte ins Gesicht – ein Pechtag eben.
Ihre Freundin Heike hatte heute Geburtstag und am Nachmittag eingeladen. Doch Ella hatt abgesagt – nicht weil sie etwa keine Lust gehabt hätte, leckeren Kaffee und Kuchen zu essen, nein, weil sie keine Zeit hatte. Erst einmal sollte heute am späten Nachmittag im Kindergarten ihrer Tochter das alljährliche Laternelaufen stattfinden. Es war zwar die Tage davor schon windig und regnerisch gewesen, doch hatte Ella bereits überlegt, dass sie, falls das Laternelaufen ausfallen sollte, heute einfach lange arbeiten wollte. Als Freiberuflerin hatte sie morgens manchmal Schwierigkeiten in die Arbeit hineinzufinden, und dann passte es ihr gut, wenn ein Nachmittag lang sein konnte. Und dieser Dienstag war eigentlich immer ihr langer Arbeitstag, den sie ungern hergab für Extra-Dates wie heute. Und im Übrigen hatte sie am Abend ihren festen Termin in der Volkshochschule – sie besserte ihr Französisch auf – so dass sie auch nicht gern für eine Stippvisite bei ihrer Freundin hätte auftauchen wollen.
Doch dann verlief der Tag so vollkommen anders: Es stürmte und goß dabei wie aus Kübeln. Also fand sich am Morgen im Kindergarten die Ankündigung, dass das Laternelaufen nicht stattfinden würde. Ella setzte nun auf Plan B: Einen langen Tag am Schreibtisch. Doch ob es am Sturm lag, am Vollmond, am November oder einfach nur in einer Laune von Ella: Dieser Arbeitstag gestaltete sich schwierig, und so recht bekam sie nichts zustande. Um 15:30 jedenfalls rief die Volkshochschule an: Die Dozentin sei erkrankt, und der Kurs könne heute Abend nicht stattfinden. Das besserte Ellas Laune nicht.
Wenn sie noch zu Heike hätte fahren wollen, wäre sie vor 17 Uhr nicht dort angekommen und hätte wegen ihrer Tochter auch nicht übermäßig lange bleiben können.
Und so ging dieser Tag komplett in die Hosen. Nichts geschafft, sich nur gequält, und dann noch die Einladung der Freundin ausgeschlagen.
Ziemlich blöde, alles in allem.
Ich denke gern zurück an den Pool, in der Toscana, im Mai.
Die erste Hitze drückt auf uns, doch ist es nicht die verdorrte, graue, trockene Hitze des Sommers, sondern die, die mit dem Saft in der Erde den Olivenhain in Stimmung bringt, dem Oleander Mut zur ersten Blüte verleiht und die großen Rosmarinbüsche zum Duften. Die Sonne zeigt schon warnend ihre Gnadenlosigkeit. Die Wärme, die uns hier umgibt, macht matt und träge und schläfrig.
Neben dem Pool steht die Burg. Sie entfacht unsere Phantasie: Was haben die Steine hier schon erlebt? Glaubenskriege, Machtgier, Liebe, Tod und Teufelsaustreiber? Der Ort ist jetzt still, Feriendomizil reicher Europäer. Und doch ist sie spürbar, die Schwere des Lebens der Hausmädchen und der Bauern, die einst um die Burg herum lebten und der Herrschaft zu Diensten waren.
Ich liege im Liegestuhl, und während ich im Halbschatten eines Olivenbaumes zu dösen scheine, stelle ich mir vor, wie einst das Leben hier war.
Und denke, es ist gut, heute zu leben, eine von den Europäern sein zu dürfen, die es sich leisten können, hier am Pool zu liegen, dem Plätschern der Reinigungsanlage zu lauschen und den Oliven beim Wachsen zuzusehen.
Welch ein Luxus, so zu reisen, welch ein Luxus, sich das schwere Leben nur vorzustellen zu brauchen, welch ein Luxus, dass es solchen Luxus gibt. Auch das will ich nie vergessen, wenn ich zurückdenke an den Pool, in der Toscana, im Mai.
Es ist heute neblig, kalt. Aber das macht mir nichts. Ich bin ein Pferd, das fast das ganze Jahr über auf der Weide steht. Und steht. Und steht. Wenn es windig ist, stelle ich mich eben so hin, dass mein Kopf in die Windrichtung steht. Das ist mir doch egal. Ich habe schon viel auf der Welt gesehen, und doch nicht viel. Wie dem auch sei, mir reicht es. Hauptsache, ich habe immer etwas zu fressen und mein Kind bei mir.
Mein Kind ist schon alt, bestimmt zwei Jahre. Und es ist immer noch bei mir. Das ist gut. Ohne mein Kind wäre ich allein auf der Weide, das würde mir nicht gefallen. Ich schnaufe und werde munter. Hey, ich könnte einmal die Weide bis ganz zum Ende laufen. Vielleicht macht mein Kind mit! Ich stupse es an. Es wiehert, hat verstanden. Und freut sich über den kleinen tollen Ausflug, bei Nebel, zum anderen Ende der Weide. Wir traben erst, dann laufen wir. Wir schnaufen im Takt. es ist wunderbar, zu zweit so zu laufen!
Und weil ich, die Schreiberin, nicht will, dass das aufhört, höre ich nun mit dieser Geschichte auf.
