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Mir geht es sooo dreckig! Ich bin auch so dreckig. Es ist heiß, ich klebe fast am Asphalt, und jedenfalls klebt an mir jede Menge Staub. Dieser Zustand ist der Elendste von allen, den ich je erleben musste. Und das, wo es eigentlich kaum Momente in meinem Leben gab, die ich als wirklich glücklich bezeichnen würde.
Ich bin geboren worden in der Nähe von Wiesbaden, natürlich in der Fabrik. Hier wurde großer Wert darauf gelegt, dass man uns unsere Individualität nicht ansah. Jeder Schnuller sollte genauso aussehen wie alle anderen. Wie ich diese Gleichförmigkeit hasste! Man erzählte sich, was mit den Schnullern geschah, die nicht so gleich wie alle anderen aussahen: Sie wanderten in den Müll. Das war das Schlimmste, und jeder bemühte sich, perfekt zu sein, damit ihm dieses Schicksal nicht einholte. Aber wozu? Ich meine: Wozu haben wir uns so bemüht, nicht durchzufallen? Das hat man uns nicht gesagt. Aber dazu später.
Ich weiß nicht mehr, durch wie viele Hände ich gewandert bin – alle in Gummi eingekleidet, wie ich selber ja auch – bis ich endlich heil und sicher in einer Verpackung landete. Ich wurde mit zwei Geschwistern zusammen eingeschweißt. Und hier begann die wohl schönste Zeit in meinem Leben.
Wir wurden in einen riesigen Karton gepackt, der in der Folge ziemlich laut brummte, und wir wurden auch durchgeschüttelt. War das ein Spaß! Zu dritt kicherten wir nur die ganze Zeit, stellten uns vor, wie die Welt wohl außerhalb des Kartons aussah, und waren gespannt, was als nächstes passieren würde. Schließlich wurde der Karton aufgemacht, und wir wurden in einem Raum mit viel Neonlicht ausgestellt. Ja, zuerst glaubten wir wirklich, dass wir in einer Ausstellung als Kunstobjekte gelandet waren, weil wir ordentlich aufgehängt wurden, wenn auch ziemlich weit hinten, und zusammen mit anderen Dreierpacks. Doch mit der Zeit bekamen wir mit, dass die Schnuller vor uns mitgenommen wurden. Was geschah mit denen? Ich habe niemals einen wiedergesehen. Später verstand ich.
Dann, schließlich, waren wir drei an der Reihe. Eine schöne Frau nahm uns mit. Sie hatte sogar einen großen Wagen mit einem ganz dicken Kissen drin dabei, was mich gleich beeindruckte. Zuhause fing dieses Kissen dann an zu schreien, das war ja nicht zum Aushalten!! Ziemlich unsanft wurde unsere Verpackung aufgerissen und mein Bruder herausgenommen. Kurz danach hörte das Schreien auf, und ich sah meinen Bruder – im Mund eines Menschenkindes! Mit ihm wurde dem Kind der Mund gestopft! Ach so! Dann wurde es dunkel um mich.
Nach einigen Tagen war wieder so ein Lärm, die Tür, hinter der ich war, wurde aufgerissen, und ich wurde herausgenommen (ich hatte nicht einmal mehr Zeit, mich von meiner Schwester zu verabschieden). Und dann landete auch ich in dem Mund des Kindes. Zuerst fand ich es ganz angenehm, wie es an mir saugte, es hatte geradezu etwas Meditatives. Doch nach einiger Zeit wurde das Kind unruhig, und fing an, auf mir herumzubeißen! Das fand ich nun nicht so nett. Jeden Tag wurde etwas weißes, hartes größer, es wuchs in dem Mund des Kindes, und die Schmerzen – des Kindes, und in der Folge auch meiner - wurden immer größer. Zwischendurch konnte ich mich in den Saugphasen wieder von dem Schmerz erholen.
Jeden Abend musste ich baden. Zu diesem Zweck wurde ich mit kochendem Wasser übergossen. Das war eine Wohltat für meinen geplagten Körper. Danach durfte ich auf einem weichen Tuch trocknen.
Eines Tages aber passierte das Schreckliche: Wir waren gerade auf einer Spazierfahrt, ich habe eigentlich gute Laune, das Kind nuckelt an mir. Da kommen wir an einer Baustelle vorbei, auf der gerade ein Bagger ein Loch aushebt. Wir schauen alle drei – Kind, Frau und ich – dort hin, und plötzlich falle ich. Ich habe noch versucht, zu rufen, aber weder die Frau noch das Kind haben das wohl gehört.
Tja, und seitdem liege ich hier, von Tag zu Tag werde ich schmutziger, und ich frage mich ernsthaft, wie es mit mir weitergehen soll. Upps, was ist das? Jemand hebt mich hoch! Nanu? Ist mein Leben nun doch noch nicht vorbei? Wieso packt der mich denn so mit spitzen Fingern an? Das ist ja wohl das Letzte! Und wo bringt er mich überhaupt hin? Nein!!!! Nicht in den Müll!!!!
Adieu, Du schöne Welt!
In meinem Traum bist Du mir erschienen
ganz nah warst Du mir, mit den Augen mit den Lippen
wir reiben die Schultern aneinander, unsere Stirnen liebkosen sich und
die Blicke die Blicke die Blicke
Nähe Wärme Wohlsein Freude
Ich sage in meinem Herzen wohnst Du
Du sagst ich möchte nirgendwo sonst sein als bei Dir
Wir zwei Glückskristalle leuchten uns an
große Kraft helles Licht
In meinem Traum.
Du liegst schon im Bett. Liegend, lesend,
der Nachttischlampe ganz nah.
Ich schlüpfe mit kalten Füßen neben Dich
Frieren Gewohnheit Alleinsein Schlaf.
Ich sage wann müssen wir morgen aufstehn
Du sagst was hast Du gesagt?
Zwei einsame Inseln im kühlen Feuer des Alltags
müde Körper dem Alter gewogen
In dieser Wirklichkeit.
Hätte ich doch ein Souvenir aus meinem Traum für Dich!
Meine Großmutter verkörperte für mich die Beständigkeit in persona. Sie hatte in ihrem langen Leben schon so viel erlebt, dass ich Zweifel habe, ob ich nach der langen Zeit von 90 Jahren auch auf ein Leben mit so viel unterschiedlichen Phasen zurückschauen können würde. Da war einmal die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg: Ein hartes Leben war das, auf dem Land, als eines von sechs Kindern auf einem Bauernhof. Schon früh hatte Magdalena – so hieß meine Großmutter – den Eltern helfen müssen, die Kühe zu hüten, das Heu zu ernten und die Hühner zu füttern. Kurz vor dem Krieg heiratete sie ihren ersten Mann und bekam bald ein Kind. Doch der Krieg zerriss die Ehe, vertrieb die junge Frau. Das Baby wurde krank und starb. Magdalena konnte zu ihrer Schwester ziehen, die wie sie verwittwet war, und dieser helfen, die beiden Kinder zu erziehen. Kurz nach dem Krieg fand sie einen zweiten Mann. Er hatte den Krieg überlebt, weil er nicht an die Front musste. Erst nach einiger Zeit musste sie feststellen, dass ihr Mann eine nicht ganz unbedeutende Position während des Hitler-Regimes eingenommen hatte. Das war ein Schock. Von einem Tag auf den anderen lief sie aus dem gemeinsamen Haus fort, denn nichts war ihr so zuwider als der Krieg.
Sie hatte Glück – mit 38 Jahren lernte sie meinen Großvater kennen und gebahr bald darauf Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen (welches meine Mutter ist). Wie glücklich sie die Ehe und das Ereignis auch machte, so fehlte es doch an allen Ecken und Enden an Geld. Auch wenn mein Großvater ein herzlicher, liebevoller Mann war, so war er doch nicht in der Lage, mit Geld umzugehen. Er verspielte es oft. Und so musste meine Großmutter arbeiten gehen und das Geld zuhause vor ihm verstecken. Sie arbeitete als Büglerin und Näherin. Das brachte wenig Geld ein, so dass meine Mutter und mein Onkel kaum genug zu essen bekamen. Dennoch behauptet meine Mutter, eine glückliche Kindheit durchlebt zu haben. Mit dem Vater sangen sie oft zusammen am Abend. Sie war geschickt im Nähen und half der Mutter. Irgendwann richtete meine Großmutter eine eigene Änderungsschneiderei ein, und zusammen mit meiner Mutter konnte sie einen beträchtlichen Kundenstamm aufbauen.
Später, als meine Mutter eine späte Ausbildung zur Hauswirtschafterin machte, betrieb sie den Laden zusammen mit einer Schwester.
Das Leben hat diese Frau gestählt. Oma Magda war schon immer eine ganz besondere Persönlichkeit. Sie hatte immer schon Vorahnungen gehabt und war auf ihr hartes Schicksal immer schon ein wenig vorbereitet. So blieb sie immer auf dem Boden der Tatsachen, machte das Beste aus jeder Situation, fand Trost für jeden, der ihn brauchte. Man würde es vielleicht nicht vermuten, wenn man ihre Lebensgeschichte hört, aber sie war niemals ganz aus der Bahn geworfen. So viel Leid und Schicksal hatten Magda gestählt für die realistischen Verhältnisse. Sie war wie eine Insel im Fluss; es konnte geschehen, was wollte; es konnte ein Sturm kommen oder die Flut – doch sie blieb. Immer.
Das werde ich niemals vergessen.
Als ich Platz nehme am Tisch der kalten Veranda, weiß ich, dass ich genau das Richtige getan habe, auch wenn ich friere wie niemals zuvor in meinem Leben. SIE wird bald ins Haus kommen, und ich sitze davor. SIE hat mich auserwählt, hat mich angesprochen, hat mich angewiesen, mich hier hin zu setzen und zu warten, sie würde dann kommen. Ich hatte mein Ziel erreicht. Ich wollte in ihrer Nähe sein, wollte sie erleben, sie fühlen, ihre Blicke auf mir spüren, wollte ihre Aufmerksamkeit erlangen. Wollte bei ihr sein, bei ihr sein. Sonst nichts. Ich würde sie nicht bedrängen, würde nichts verlangen von ihr, was sie nicht von selbst zu geben bereit ist. Ich weiß ja, dass sie schwer beschäftigt ist, und es ist sicherlich nicht leicht, immer alle Fans abzuwimmeln. Hey! Das wäre doch überhaupt DER Job für mich! Dann könnte ich immer in ihrer Nähe sein, kann ihr helfen, ihren Alltag als Künstlerin zu bewältigen, sie muss ja viel proben, das weiß ich aus der Zeitschrift, dass sie immer viel probt. Ich weiß auch, dass sie zwei Bodyguards hat. Wo sind die eigentlich? Die müssen das Haus doch überwachen? Müssen doch eigentlich gucken, was ich mache, ich meine, ich könnte doch eigentlich auch ein Attentäter oder so sein, man denke nur an John Lennon, der ist ja schließlich auch von irgend so einem Verrückten erschossen worden. Also, was, wenn ich so etwas auch vorhätte?
So, jetzt muss ich doch mal aufstehen, mir ist wirklich kalt. Verrückt! Zu sagen, ich wäre um 2 Uhr Nachts bei minus 4 Grad auf einer Veranda am Ziel meiner Träume angelangt… Wirklich verrückt… aber so ist es…
Ich presse mein Gesicht an das Fenster. Drinnen ist alles dunkel, alles still. Ist sie schon unbemerkt gekommen? Hat sie sich schlafen gelegt? Ich stelle mir vor, wie sie im Bett liegt, ihre langen blonden Haare umfließen ihr etwas asiatisch wirkendes Gesicht… Ich stelle mir vor, dass sie nackt ist unter der Bettdecke. Diese Frau! Dabei ist es doch dafür wirklich etwas zu kalt… Aber es ist schon merkwürdig… – und keine Leibwächter…
Nein, sie wird noch nicht hier sein – das wäre mir doch nicht entgangen! Bestimmt ist sie noch am Theater, in dem sie ihren Auftritt hatte, spricht noch mit ihrem Manager oder so. Sie hat ja auch gesagt: ‘Gehen Sie doch schon mal vor!’, hat mir diesen Ort genannt, sie würde gleich nachkommen. Nein, sie kann doch noch gar nicht da sein…
Jetzt warte ich hier schon dreieinhalb Stunden, es ist jetzt fünf Uhr, es wird schon hell. Meine Zehen spüre ich schon gar nicht mehr. Komisch, dass sie nicht kommt? Dabei stand in der Zeitschrift, dass sie eigentlich nie lange feiert. Merkwürdig… Kommt sie vielleicht gar nicht mehr? Hat sie mir vielleicht eine falsche Auskunft gegeben?
Jetzt kommt Bewegung ins Nachbarhaus, ein Mann mit Hund kommt heraus. Will wissen, was ich hier mache… ‘Ich warte auf den Star’ rufe ich ihm zu, warum guckt der denn so komisch? Jetzt erdreistet er sich, mir zu sagen, ich solle verschwinden. Der Hund knurrt, ist ein Schäferhund… Ob ich nicht das Schild gelesen hätte ‘Privat’ da vorne an der Straße. Nee, hatte ich nicht gelesen. Bin ich vielleicht zum falschen Haus gegangen? Sie hatte doch gesagt: ‘Gehen Sie weg, hier können Sie nicht bleiben. Gehen Sie doch zum allerletzten Haus am Ende der allerletzten Straße Richtung Norden’, na und das habe ich doch gemacht, bin bis zum Ortsrand marschiert. ‘Hauen Sie sofort ab, sonst hetze ich meinen Hund auf Sie’ ruft dieser Typ jetzt barsch.
Ich gehe. Gehe zurück in die Stadt. Da steht ja der Bus, ihr Bus, mit dem sie und ihre Band angereist kam… Vorm Hotel. Dann hat sie… hat sie…
Uff, ist mir kalt!
„Was macht Ihr, Sir?
Welch neue Dreistigkeit!
Zurück von diesem Schrank!“
(F. Schiller: aus: Maria Stuart)
Sie glauben ja gar nicht, mit was für Menschen ich mich abgeben muss! Manche sind wirklich sehr merkwürdig, die meisten schätzen es selbstverständlich gar nicht, wenn ich sie besuche und sind äußerst unfreundlich, andere wiederum versuchen mich zu bestechen, damit mein Kuckuck nicht auf ihre Sachen geklebt wird. Einer hatte mir sogar die unerhörte Summe von 10.000 Euro angeboten, damit ich seine Sachen in Ruhe lasse! Ich musste sie jedoch dennoch katalogisieren, der Mensch hatte Schulden von über 100.000 Euro. Schlimm ist das. Ich meine, jeder kommt vielleicht das eine oder andere mal vom rechten Wege ab, das passiert, sogar mir. Doch eines ist immer zu beachten: Man sollte sich doch niemals so tief hineinreiten, dass man in Schulden versinkt. Besser ist es, immer auf der Seite der Schuldner zu bleiben und nicht zum Gläubiger zu werden, glauben Sie mir!
Ein Erlebnis hatte ich jedoch, das mir in bester Erinnerung geblieben ist, und das mich nachhaltig beeindruckte. Ich weiß es noch wie heute, obwohl es schon sieben Jahre her ist. Ich hatte in der Villa der berühmten Schauspielerin Valeria F. zu tun. Frau F., die ich als Bühnenschaupielerin, aber auch aus dem Fernsehen kannte, hatte mich schon immer zutiefst fasziniert. Sie war wohl in Spielschulden geraten, und mir tat es Leid, dass ich sie aufzusuchen hatte. Gleichzeitig hatte ich mir immer schon gewünscht, dieser Grand Dame einmal persönlich zu begegnen. Ich will nicht leugnen, dass ich Valeria F. zutiefst verehrte.
Ich nahm mir vor, nicht zu hart mit ihr ins Gericht zu gehen, aber es gab keine Möglichkeit, den Auftrag an jemand anderes abzugeben. Sie hatte einen großen finanziellen Fehler begangen, daran war von juristischer Seite aus nicht zu rütteln. Und dennoch… – diese Frau hatte es mir einfach angetan!
Ich war aufgeregt, als ich vor der Villa stand; meine Hände waren schweißnass, als ich die Türklingel betätigte. Mein Kommen war angekündigt, und ich versuchte mir einzureden, dass sie sicherlich zu den hochnäsigen und arroganten Neureichen zählte, die mich unfreundlich behandeln würden, als sei ich ein Ungeziefer, das seine Nase in Dinge steckte, die es nichts anging. Dennoch, ein kleines Stück Hoffnung blieb, dass sie nicht so sein würde.
Sie öffnete mir höchstpersönlich, ihre strahlende Schönheit überblendete all mein gemischten Gefühle, und ich war sofort hin und weg von ihrer Ausstrahlung. Sie lächelte mich warm an und reichte mir die Hand, als sei ich ein langersehnter Gast. ‘Guten Tag, Sie müssen der Gerichtsvollzieher sein’, begrüßte sie mich mit ihrer tiefen, wohltönenden Stimme. Sie schaute mich aufmerksam an und lächelte freundlich und aufmunternd. ‘Nun denn, treten Sie ein’, sagte sie. Ich konnte meinen Blick nicht von der schönen Frau lassen; sie hatte eine warme und sehr erotische Ausstrahlung, die in der persönlichen Begegnung um ein vielfaches stärker wirkte, als im Fernsehen. Sie hatte sich wohl eben frisiert, ihre rötlich-blonden großen Locken umrahmten wohlgeordnet die ebenen Gesichtszüge; ihre sinnlich aufgeworfenen, rot geschminkten Lippen erinnerten mich an die von Brigitte Bardot, und ihre grünen Augen schienen mich aus einer unergründlichen Tiefe zu betrachten. Kaum brachte ich ein ‘Danke’ hervor, so belegt war meine Stimme. Ich muss wohl eingetreten sein, denn im nächsten Moment befand ich mich in einem Salon, in dem nur wenige Möbel standen, unter denen sich jedoch teure Designerstücke befanden, das konnte ich sofort erkennen. ‘Ich weiß,’ sagte Frau F. nun, ‘dass Sie hergekommen sind, um meine Wertsachen zu pfänden. Ich will Sie dabei nicht aufhalten!’ – doch sagte sie es so, als hätte sie mir soeben ein verbindliches Angebot unterbreitet, sie in ihr Schlafzimmer zu begleiten. Mir war ein wenig schwindlig, und es kostete mich einige Mühe, meine Arbeit zu machen.
Da war die gut erhaltene, rote Couch aus dem Hause LeCorbusier – bei einer Versteigerung würde sie nicht nur als rares Designerstück einen hohen Wert erzielen, sondern auch noch als Fan-Gegenstand gehandelt werden. Der Couchtisch dagegen war wertlos; er hatte einige abgenutzte Stellen und es schien sich um ein billiges Möbel zu handeln. Ein lederner Armsessel im englischen Stil dagegen würde einiges bringen.
Dann fiel mein Blick auf den Schrank. Es war eine Antiquität – das erkannte ich sofort. Er war aus feinem Nussholz gearbeitet; auf den beiden Türen befanden sich filigrane Intarsien mit Motiven aus dem alten China – dieser Schrank war eine Chinoiserie aus dem 17. Jahrhundert! Ich selbst liebte Antiquitäten und kannte mich gut damit aus, und also stufte ich den Wert dieses Schrankes recht hoch ein.
Als ich auf den Schrank zuging, ertönte hinter mir ein Schrei – Frau F. musste wohl erkannt haben, welchen Vorsatz ich gefasst hatte, nämlich dem Schrank mein Siegel aufzudrücken – und sogleich war sie neben mir und begann pathetisch folgende Worte zu rezitieren:
„Was macht Ihr, Sir?
Welch neue Dreistigkeit!
Zurück von diesem Schrank!“
Dann packte sie mich am Arm und zog mich auf die rote LeCorbusier-Couch.
Für einige Zeit muss mein Verstand ausgesetzt haben; als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in eindeutiger Pose mit dieser Frau, die sich ihres Kleides entledigt hatte. Sie küsste mich leidenschaftlich und verführte mich nach allen Regeln der Kunst, bevor mein Denken überhaupt wieder einsetzen konnte. Wir verschlangen uns aufs Heftigste ineinander, und ich kann mich nicht erinnern, es schon einmal so leidenschaftlich mit einem Weib getrieben zu haben. Das Gefühl für Zeit und Raum setzte volkommen bei mir aus; von Kopf bis Fuß triebgesteuert ging ich an diesem Nachmittag in der puren Weiblichkeit auf.
Als ich wieder bei Verstand war, war es draußen bereits dunkel. Ich waltete nicht mehr länger meines Amtes und vermerkte kurz, dass außer der Couch und dem Ledersessel keinerlei Werte vorhanden seien. Ich verabschiedete mich, micht ohne zu fragen, ob es ein Wiedersehen geben würde. Doch nun zeigte sich Frau F. ablehnend und schaute an mir vorbei. Ich verstand.
Und weil ich von Glück sagen kann, überhaupt solch ein Abenteuer erlebt zu haben, insistierte ich nicht.
Was sich aber in dem Schrank befand, werde ich nie erfahren. Dabei wäre ich allein mit diesem Objekt hochzufrieden gewesen.
Ich hatte Maren vorher noch niemals besucht, denn sie wohnte ein wenig außerhalb der Stadt, in entgegengesetzter Richtung, so dass ich beinahe eineinhalb Stunden brauchte, um zu ihrem Haus zu gelangen. Maren wohnte auf einem alten, nicht mehr betriebenen Bauernhof; Stück für Stück hatten sie und ihr Mann das alte Gemäuer renoviert, und jetzt war es urgemütlich. Nach dem Mittagessen stellte sie einen Korb frischgepflückter Stachelbeeren auf den Tisch.
Die Stachelbeeren – ich hatte diese Frucht beinahe vollständig vergessen! – weckten alte, verschüttete Erinnerungen in mir. Es waren die Früchte, die ich in meiner frühen Kindheit kennengelernt hatte.
Ich erinnerte mich: Ich war zu Gast bei meiner Großmutter, das war weit vor meiner Schulzeit, ich war vielleicht erst drei oder vier Jahre alt. Auch sie wohnte auf dem Land, und sie hatte einen riesigen, Garten, der mir verwunschen vorkam. Ich stellte mir manchmal vor, dass die Elfen, von denen mir meine Großmutter erzählte oder vorlas, in ihrem Garten wohnten und darauf aufpassten, dass meine Großmutter die Blumen regelmäßig goss und die Früchte rechtzeitig erntete. Der Garten war auch zu groß, um dort jedes Beet zu pflegen. Ich erinnere mich an eine Wiese, die sich hinter einem Jasmin befand. Dort befand sich neben einer Schaukel, die schon sehr lange dort stehen musste, eine wunderbare Blumenwiese, die meine Großmutter niemals mähte. Deshalb hatten sich dorthin viele Schmetterlinge und seltene Insekten eingefunden. Manchmal legte ich mich in die Wiese, betrachtete, wie die Schmetterlinge, Hummeln und andere Insekten geschäftig über mich hin- und herflogen und lauschte dem Summen und Brummen. Die Schaukel benutzte ich nie. Doch manchmal stellte ich mir vor, wie die Elfen dort spielten; ihre Flügel und filigranen Körper glänzten im Sonnenlicht, und ich meinte, ihre hellen Stimmen zu hören.
Meine Großmutter hatte viele Früchte in ihrem Garten. Am Liebsten hatte ich den hohen Birnenbaum, von dem sie erzählte, dass er erst nach zwanzig Jahren begann, Früchte zu tragen, und er hatte genau in dem Jahr damit begonnen, in dem ich geboren wurde. Ich liebte die süßen Birnen von dem Baum, und ich fühlte mich mit ihm auf besondere Weise verbunden, weil er, so dachte ich es mir, anlässlich meiner Geburt begann, Früchte zu tragen – mir zuliebe!
Und meine Großmutter hatte auch Stachelbeeren in ihrem Garten. Diese Früchte waren mir nicht ganz geheuer. Erst einmal waren es grüne Beeren, nicht rot oder schwarz wie die anderen. Dann hatten sie einen sauren Geschmack, waren leicht herb, und hinterließen ein pelziges Gefühl auf der Zunge. Trotzdem mochte ich die Stachelbeeren auch.
Doch mit der Zeit habe ich das Genießen der verschiedensten Früchte zwar beibehalten. Nur die Stachelbeeren gab es so selten zu kaufen, und so vergaß ich diese Frucht einfach.
Meine Großmutter starb, als ich sieben Jahre alt wurde. Ihr Haus wurde verkauft, und mit der Zeit verblasste die Erinnerung an sie und die wenigen Sommer, die ich bei ihr verbracht habe.
Und nun saß ich hier bei Maren auf der Terrasse, und die Erinnerung an meine Kindheit, an meine Großmutter und ihrem verwunschenen Garten stieg in mir auf, als wäre es gestern gewesen. Ich nahm eine Stachebeere und ließ sie zunächst in meinem Mund wie eine Murmel hin- und herrollen, wie ich es als kleines Kind zu tun pflegte. Dann zerbiss ich die Frucht; und aus dem Geschmack strömte die ganze Erinnerung heraus und belebte meine Seele.
… in der Reihenfolge ihrer möglichen Vorkommen:
1. Eine übermäßig angenehme Tätigkeit ist, an einem Sommerabend in einem paradiesischen Garten zu sitzen. Man ist durchgewärmt bis auf die Knochen, leicht bekleidet, und man wird heute nicht mehr frieren. Ein Glas köstlichen Weines ist bei einem, genauso wie eine Person, die es zu entdecken gilt, mit anderen Worten: man ist frisch verliebt, alles ist neu und prickelig. Wenn man von seinem Platz aufsteht, und das wird gleich sein, dann nur zu dem Zweck, diesen anderen Menschen in Kürze zu küssen und schließlich ganz zu vermaschen.
2. Selbst wenn man kein Herdentier ist, ist die Gegenwart in dieser etwas größeren Menschenansammlung von sympathischen Menschen überaus angenehm. Die Gespräche sind nett, nicht zu simpel, nicht zu schwer, man versteht sich gut. Dann kommt eine riesig gute Stimmung auf, und alle fangen aus nichtigem Anlass an zu lachen, und können gar nicht wieder aufhören…! Alle lachen und lachen und müssen sich die Bäuche halten; wenn das Lachen zu verebben droht, schaut man in ein lachendes Gesicht und kann nicht anders als weiterlachen. Lachkrampf droht. Man schnappt nach Luft, man kann eigentlich nicht mehr… Am nächsten Morgen hat man einen Muskelkater, aber sonst keinen.
3. Es ist zwei Uhr Nachts, und langsam kommt man wieder raus aus diesem Loch, aus der miesen Laune, dem schlechten Tag, der verhagelten Stimmung. Das Bier schmeckt gut! Und das Gegenüber versteht einen, und freut sich, dass es nun nicht alleine trinken muss. Ein Bier nach dem nächsten wird gekippt, die schlechte Laune wie gesagt ist schon von Bord gegangen, und man hat seinen Wissensvorrat von binsenartigen Lebensweisheiten auch schon wieder einmal aufgefrischt und rutscht soeben in eine melanchloisch-philosphische Stimmung, gepaart mit Gedanken und Ideen, die jetzt den Enthusiasmus auf den Plan locken. Alles wird so leicht und deutlich, endlich wird klar, wie man sein Leben zu leben hat, so wahr und gerade, begabt und fleißig! Nur leider wird man sich an diesen letzten und wichtigen Abschnitt des Abends kaum noch erinnern können, nein, er wird geradezu fehlen und durch übermäßig starke Kopfschmerzen und eine Übelkeit verdeckt, die sich gewaschen haben (oder auch nicht). Und das ist schade. Denn nun wird man sein Leben eben doch nicht zum Guten verändern können.
Das war dann nicht nur angenehm, sondern geradezu übermäßig.
Vielleicht glaubt Ihr, mir ginge es nicht gut? Weit gefehlt! Ihr fragt, wie ich in diesen Stollen komme? Freiwillig, zu einem Hungerlohn? Mich treibt die Suche nach einem besseren Leben. - Was? In dem Stollen? Wollt Ihr fragen? – Dann hört meine Geschichte.
Ich bin geboren worden als fünftes Kind eines Landarbeiters im tiefsten Südamerika. Schon früh musste ich anfangen zu schuften, meine Eltern drohten mir damit, mich zu verkaufen, wenn ich es nicht tat, und so arbeitete ich seit meinem sechsten Lebensjahr mit auf dem Feld. Doch Gott hat mir keine stabile Gesundheit mitgegegeben, mir bekam die Feldarbeit nicht. Aus Not hatte ich sie trotzdem zu tun. Mit vierzehn Jahren riss ich von Zuhause aus. Später erfuhr ich, dass meine Eltern mich nicht einmal suchen ließen. Aber ich verstand: Die Not war zu groß, als dass man einen Esser weniger, der auf dem Feld nicht gut arbeitete, gut verkraften kann. Das machte mich traurig, denn ich wusste, dass meine Eltern mich liebten.
Ich irrte nicht lang durch die Gegend, doch lang genug, um zu erfahren, wie schlecht die Welt ist, und was zählt: Nämlich Dollars. Durch meine schlechten Erfahrungen, die ich hier jedoch nicht zu Besten geben möchte, erschien mir bald ein Ziel vor Augen: Ich wollte zu Geld kommen, zu richtig viel Geld, um meine Familie aus der Sklaverei zu befreien – denn nichts anderes war es, das sie lebten: Eine vollkommene Abhängigkeit vom Gutsbesitzer, der so schlecht zahlte, dass es gerade reichte, um sich am Leben zu erhalten.
Ich fand zur Mine. Hier wurden Kristalle abgebaut, die für Menschen in anderen Teilen der Welt einen Wert hatten. Für mich hatten sie diesen nicht, auch wenn sie wunderschön schimmerten und von einer anderen, längst vergangenen Zeit sprechen, in der das Paradies vielleicht noch nicht der Traum der gesamten Menschheit war. Doch ich wusste, dass sie mir Geld bringen könnten, wenn es mir nur gelänge, eine Kristallader zu finden.
Bald, nachdem ich den Job in der Mine antrat, gelang es mir, eine Kristallader zu finden. Es war eine kleine Kristallader, und ich konnte drei phantastische Drusen bergen, die mein Chef zu einem unbeschreiblichen Preis verkaufen konnte. Ich hatte die Verhandlungen unbemerkt mitverfolgt, und war sehr enttäuscht, als ich meine Provision bekam, auch wenn sie meinen Monatslohn um 12 Löhne aufbesserte. Da ich aber den wirklichen Wert erfahren hatte, konnte ich nicht umhin, mich betrogen zu fühlen.
Wieder hatte ich erkannt, wie die Welt funktioniert. Ich legte das Geld gut weg und suchte um so eifriger nach einer weiteren Kristallader, denn nun hatte ich ein Ziel vor Augen: Ich musste selbst in den Besitz einer Mine kommen, wenn ich die Rolle eines Chefs einnehmen und nicht einen krimminellen Weg einschlagen wollte.
Dieses Ziel verfolge ich noch immer, beharrlich, seit nunmehr 20 Jahren. Doch geht es mir nicht schlecht dabei: Mein Geld vermehrt sich, langsam, aber stetig. Ich bin begabt, habe ein Gespür für Kristalladern, weswegen mir mein Chef mehr Geld gibt als den anderen Arbeitern. Er weiß nichts von meinen Plänen. Doch die nächste Mine wird nicht er kaufen, sondern ich.
Deshalb geht es mir gut!
Man könnte sich fragen, was ein Hut, ein Topf und ein Papagei gemeinsam haben könnten; man könnte es auch lassen. Was, wenn die Antwort lauten würde: Alle drei genannten Dinge resp. Tier gehören Monsieur d’Alegrie? Ich meine, wüsste man jetzt deswegen mehr?
Wohl kaum.
Monsieur d’Alegrie war ein sehr korrekter Mensch, und dabei seiner Zeit weit zurück. Schon äußerlich konnte man das leicht erkennen, denn er ging niemals ohne seinen Anzug mit Hemd, Kragen, Schlips und – Hut aus dem Haus. Er war immer perfekt frisiert, benutzte, um sein Haar stramm nach hinten striegeln, Pomade, das eigentlich schon in der 60er Jahren kaum mehr benutzt wurde. Wenn man ihn die Straße herunterkommen sah, fühlte man sich zurückversetzt in die Zeit von Dick und Doof, Beamtentum, korrektes Benehmen und andere Dinge, die es in den 50er/60er Jahren gab. Es war, als sei die Zeit stehengeblieben. Und das, obwohl Monsieur d’Alegrie aussah, als sei er Mitte 30! Es schien, als seien die letzten 50 Jahre an ihm vorübergezogen, ohne ihn zu bemerken.
Zuhause besaß er einen Papagei. Nach seinen Angaben hatte er ihn von einem alten Seemann abgekauft, der ihn nicht mit ins Altersheim nehmen konnte. Es war ein schönes Tier; groß, mit einem roten Kopf und prächtigen gelben und blauen Schwanzfedern. Monsieur d’Alegrie behauptete, dass der Papagei sprechen konnte. Niemand hatte aber jemals einen Laut von dem Tier vernommen, doch dennoch hegte niemand Zweifel an Monsieur d’Alegries Worten. Warum hätte er auch lügen sollen? Wozu?
Eigentlich hätte man sich über Monsieur d’Alegrie nicht aufregen können, und auch nicht müssen, wenn da nicht die Sache mit dem Topf gewesen wäre. Wann immer ein Fremder in seine Wohnung kam, was nicht oft passierte, denn Monsieur d’Alegrie pflegte wenig privaten Umgang, und erst recht nicht zu Hause, dann fiel in der Küche sofort ein riesiger Topf auf, der auf dem Herd stand und vor sich hinköchelte. Dazu nahm man einen leicht süßlichen Geruch wahr, der einen leicht vermoderten Stich in sich trug, so dass es jemandem schon übel geworden war.
Monsieur d’Alegrie äußerte sich niemals zu Fragen die sich auf den Inhalt des Topfes bezogen wie etwa: ‘Ach, heute gibt es bei Ihnen wohl Eintopf?’ oder ‘Kochen Sie das Katzenfutter selbst?’ (Monsieur d’Alegrie besaß überhaupt keine Katzen) oder auch: ‘Kann es sein, dass Sie nicht ganz frisches Fleisch verarbeiten?’. Fragen dieser Art wurden komplett ignoriert.
Hier muss ich den werten Leser nun mit seiner Phantasie allein lassen, denn auch ich weiß nicht, was Monsieur d’Alegrie in dem Topf einkochte. Nur so viel: In der Stadt, in der Monsieur d’Alegrie lebte, gab es viele Frauen, die an gebrochenem Herzen litten und eine Menge streunender Katzen.
Nun mag sich jeder selbst ausdenken, was das Geheimnis war, das Monsieur d’Alegrie umgab.
Wer mag, kann hier einen Vorschlag formulieren, was Monsieur d’Alegrie hier treibt.
