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… und wenn ich im Zug was vergessen habe
ruft sie [die Traurigkeit] mir hinterher und trägt es mir nach.

Nun saß er hier an diesem Strand von Helgoland – und noch nicht einmal an dem schönsten, denn der befand sich auf der Düne. Dort hätte er das Meer sicher besser genießen können, dort hätte er auch die Seehunde beobachten können, die sich dort gern aufhielten.

‘Mal wieder am falschen Ort zur falschen Zeit’ warf er sich vor, und das erinnerte ihn sogleich an das unerfreuliche Telefonat, das er gestern mit seiner Ex-Freundin geführt hatte. Sie hatte ihm wieder einmal vorgeworfen, dass er sich weder um einen neuen Job noch um ihr gemeinsames Kind bemühen würde, kurzum: eine Lieblosigkeit als Lebensprinzip pflegen würde, die weder ihm oder seiner Umgebung gut tat noch gut aussah.

Und das schien so typisch für ihn, wie er selbst feststellen musste: Niemals war er in der Lage, sich für das Beste zu entscheiden. Es musste wohl immer Steigerungsmöglichkeiten geben, immer musste es noch etwas geben, das besser war als das, welches er für sich selbst ausgesucht hatte, und dem gegenüber er ein Gefühl von Wehmut oder Sehnsucht entwickeln konnte.

Er hätte eben gleich nach seiner Ankunft im Hafen zu den Börtebooten hinübergehen sollen, die ihn nach kurzer Fahrt zur Düne gebracht hätten.
Statt dessen war er in den Ort hineingelaufen und hatte sich in den Läden, die Spirituosen und Kleidung günstig anboten, regelrecht verbummelt, freilich, ohne etwas zu kaufen, bis er sich schließlich fragte, warum er überhaupt hergekommen war, und sich endlich entschloss, wenigstens den Strand im Unterland aufzusuchen, der mit einem Spaziergang über einen hölzernen Dünenweg verbunden war.

Und nun saß er hier, am Rande des kleinen Strandes mit verwesendem Fischgeruch in der Nase (am Strand auf der Düne wäre die Luft sicher frischer gewesen!).
Aber die gnädige altgewordene Augustsonne schenkte ihm ein wenig Wärme auf seine blasse Haut, und endlich begann er, sich doch ein wenig auf der Insel wohl zu fühlen (und doch ärgerte es ihn, dass er nicht die Seehunde auf der Düne beobachten konnte, denn die Zeit saß ihm im Nacken: schon in 1 1/2 Stunden sollte er auf dem Boot zurück nach Cuxhafen sein und blablabla…).

Er schloss die Augen. Ankommen, abfahren um wieder dort anzukommen, von wo er aufgebrochen war… diese Ruhelosigkeit passte so wenig hier an diesen Strand mit dem Meeresrauschen, der wärmenden Sonne und dem Sand, den er durch seine Finger rieseln ließ. Der schöne Stein, den er in die andere Hand genommen hatte, fühlte sich warm und schwer an. Wie alt mochte er schon sein? Was bedeutete Zeit für diesen Stein und was für ihn?
Etwas entfernt spielte eine Mutter mit ihrem Kind am Strand. Sie schienen keinen Zeitdruck zu kennen, sie spielten so, als wäre die Zeit ein unendliches Gut für sie, falls sie überhaupt eine Relevanz für sie hatte.

Je länger er dort saß, um so klarer wurde ihm, dass er sich heute nicht mehr von der Insel wegbewegen würde. Hier war er nun doch ein wenig angekommen. Würde er bleiben, könnte er morgen zur Düne fahren, und er könnte den Abend noch hier am Strand verbringen. Und am besten war: Er könnte sich ein Aufatmen von den Komplikationen des Lebens gönnen.
Also blieb er sitzen, sah den beruhigenden Wellen zu und der Mutter in ihrem geblümten Kleid und der roten Jacke, wie sie mit dem Kind zusammen Steine aussuchte, und ließ seine Traurigkeit allein zum Schiff zurückgehen. Sollte sie doch ohne ihn abfahren, am besten weit weg, bis nach Kap Horn! Für sie wollte er heute keine Zeit mehr haben.

 

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