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Gerlinde Siegburg betrat den Raum der kleinen Bankfiliale wie jeden Donnerstag. Sie war nicht in bester Stimmung, weil sie sich über einen Wagen geärgert hatte, der sich auf dem Bürgersteig direkt vorm Eingang der Bank breit gemacht hatte und mit laufendem Motor stank und störte. Aber im nächsten Moment war sie in Gedanken wieder bei ihrem Einkauf, den sie gleich machen wollte. Wenn ihr Benny am Freitag Abend zum Essen kam, wollte sie alles dahaben, was er gerne mochte.

Kurz hinter dem Eingang sah sie einen Mann auf sie zukommen. Doch anstatt vorwärts zu gehen, ging er rückwärts. Gerlinde nahm zu spät wahr, dass sie ihm im Weg war, und so wurde sie beinahe von ihm umgerammt. Sofort schoss ihr Wut ins Gesicht. ‚Diese jungen Leute heute – kein Benehmen!’ dachte sie und schaute dem Mann zornig ins Gesicht. Aber das wiederum war mit einem übergestülpten Strumpf vermummt. In dem Bruchteil einer Sekunde, in dem sie sich in der Filiale umschaute, erkannte sie, was wirklich geschehen war: Der Mann war ein Bankräuber! Scharf sog sie die Luft durch den offen stehenden Mund ein, und innerhalb kürzester Zeit wich alles Blut, das ihr eben noch vor Wut in den Kopf gestiegen war, aus dem Gesicht. Leichenblass und mit weit aufgerissenen Augen japste sie nach Luft. Ein schrilles Geräusch drang an ihr Ohr, das sich mit einem klingelnden Ohrensausen vermischte. Ihr Herz fing an, wie wild zu pochen. Die Hände hatte sie mit den Innenseiten gegen ihre Brust gepresst, so dass ihre Handtasche wie ein Panzer vor ihrem Bauch baumelte. Gerlinde wurde etwas schwindlig und wollte sich gegen eine Zimmerpflanze lehnen, die im Raum stand. Da diese keinen Halt bot, stolperte sie einen Schritt zurück und konnte sich gerade noch rechtzeitig fangen, bevor sie wirklich hingefallen wäre. Obwohl sie keinen klaren Gedanken fassen konnte, fand sie ganz dicht bei ihr eine kleine Bank, auf der sie sich plumpsend niederließ. Dann sah sie, dass die Kassiererin, Frau Bierlot, einen hysterischen Schreikrampf erlitt – doch plötzlich wurde es still: Frau Bierlot brach ohnmächtig zusammen. Zwei Kollegen lugten unter ihren Schreibtischen hervor und einer krabbelte auf allen vieren, angstvoll um sich schauend, zu der eben zusammengebrochenen Kassiererin, und brachte diese in die stabile Seitenlage.
Eine Hand legte sich auf Gerlindes Schulter. Sie zuckte zusammen und stieß einen spitzen Schrei aus. ‚Beruhigen Sie sich, Frau Siegburg!’ Es war der Filialleiter, Herr Kloppenburg. ‚Die Gefahr ist vorüber!’ Sie schaute ihn an. Auch er war leichenblass, seine Lippen waren seltsam blutleer und die mit Wasser gefüllten Augen auf unnatürliche Weise aufgerissen. Gerlinde klammerte sich an den Arm von Herrn Kloppenburg, der sich jetzt auf die Bank niederließ und ebenfalls ihren Arm umklammerte, als brauche er wie sie ein wenig Zuwendung. Dann – endlich! – hörten sie das Martinshorn. Die Polizei und der Rettungswagen waren unterwegs.

Liebe Nadja!

Es ist mir sehr wichtig, dass Du verstehst, warum ich mich so verhalten habe, wie ich es getan habe. Ich kann auch verstehen, dass Du sauer auf mich bist, aber kann nur hoffen, dass Du Deinen Groll ablegst, wenn Du diesen Brief gelesen hast. Mir tut es Leid, was ich angerichtet habe, das musst Du mir glauben!

Seit 2 Jahren bin ich mit Manfred zusammen, und wir haben uns sehr gut kennen gelernt. Ich liebe Manfred, und doch habe ich manchmal das Gefühl, dass diese Beziehung doch nicht alles gewesen sein kann, was auf mich wartet… Ich habe nicht vor, mich von Manfred zu trennen, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das. Aber vielleicht bin ich noch nicht oder jedenfalls nicht reif genug für eine Beziehung, die auf Dauer ausgelegt ist. Verstehst Du, wie ich das meine? Oh, es ist schwer, meine Gefühle in Worte zu packen…. Manfred ist so ein treuer, lieber Begleiter, so einer findet sich nicht so schnell noch einmal. Ich weiß das, oder ahne das, wenn ich Beziehungskuddelmuddel bei anderen Pärchen erlebe, wie beispielsweise bei Anna und Simon – Du erinnerst Dich? Wir hatten Simon ertappt, wie er mit Fiona herumgeknutscht hat, der kann nicht treu sein… So etwas würde Manfred niemals tun. Für ihn bin ich – oder war ich es? – die einzige Frau in seinem Leben. Er würde mich nie betrügen!
Vielleicht kannst Du es nicht nachvollziehen, dass genau diese Art von Treue manchmal schwer auszuhalten ist…. Ich weiß ja, wie sehr Du Dir einen Freund wünschst, und wie viel Pech Du in der Vergangenheit mit den Männern hattest. Und nun habe ich genau das, was Du Dir so sehnlich wünschst, und schreibe Dir, dass ich das nicht aushalten kann! Aber genau so ist es…

Vor ungefähr drei Monaten fragte mich Manfred, ob ich ihn heiraten würde. Spontan habe ich ‚ja’ gesagt – schließlich liebe ich diesen Mann ja. Ab diesem Moment konnte ich nachts nicht mehr richtig schlafen. Ich habe nicht verstanden, was mit mir los war, aber etwas hatte mir meine Ruhe geraubt. In der Folge wurde ich ungerecht und unfreundlich zu Manfred. Der verstand die Welt nicht mehr. Er begann, über unsere Hochzeit zu reden, wollte einen Termin festmachen, schrieb in Gedanken einen Einladungstext und sprach von kirchlicher Trauung. Und ich? Konnte diese Gespräche kaum aushalten und wusste trotzdem nicht, was los war mit mir. Ich wurde immer verwirrter und unfreundlicher und ertappte mich sogar dabei, dass ich heimlich hoffte, dass mich Manfred verlassen würde, wenn ich weiter so unausstehlich zu ihm war. Doch nichts half. Manfred hielt an mir und seinen Heiratsplänen fest. Und ich hatte einerseits ganz zärtliche, aufrichtige Gefühle für ihn, wenn ich ihn nicht sah, und konnte seine Anwesenheit kaum ertragen, wenn ich ihn sah.

Und dann war ich diesen einen Abend bei Dir zum Fernsehabend eingeladen und Dein Bruder Christian war ebenfalls bei Dir zu Besuch. Du erinnerst Dich sicher gut, wie ich begann, mit ihm zu flirten. Es muss ein merkwürdiger Abend für Dich gewesen sein, weil Du ja bestimmt merktest, dass wir uns nicht egal waren. Und gleichzeitig wusstest Du ja von meiner Beziehung mit Manfred.
Jedenfalls haben Christian und ich uns seit diesem Abend regelmäßig getroffen, ich denke nicht, dass ich Dir damit Neuigkeiten erzähle! Und schließlich hatten wir diese Affäre miteinander. Vielleicht ist Dir das neu, aber ich muss es einfach loswerden, denn dann wirst Du auch Christian besser verstehen, der sich ja in dieser Zeit geradezu liebestoll aufführte, wiewohl wir übereingekommen waren, niemandem ein Sterbenswörtchen von unserer Geschichte zu erzählen. Ich weiß noch, wie Du den Kopf geschüttelt hast über Christian, weil er plötzlich dauernd zu Dir zu Besuch kam, in der Hoffnung, mich zu treffen. Das ging vielleicht vier Wochen so mit uns, bis Du ihm dann wohl – zufällig oder auch nicht – von mir und Manfred erzählt hast. Jedenfalls nehme ich an, dass er von Manfred und mir erfahren hatte, weil er sich von einen auf den anderen Tag von mir zurückzog. Und ich? War nichts als ein wandelndes schlechtes Gewissen, einmal Manfred gegenüber, den ich nur noch theoretisch leiden konnte, während ich mich praktisch Christian zugewandt hatte, den ich zwar sehr schätze, aber doch niemals geliebt habe. Ich hoffe, Dich als seine Schwester treffen meine Worte nicht! Ich möchte aber jetzt endlich bei der Wahrheit bleiben und niemanden mehr belügen!

Bevor ich diesen Brief an Dich angefangen habe, schrieb ich einen an Manfred, mit dem Inhalt, dass ich unsere Verlobung lösen muss, da sie mir den Atem raubt, und auch an Christian, dem ich geschrieben habe, wie sehr ich die Geschichte mit ihm genossen habe, aber nun einen Schlussstrich ziehen muss (als wenn er dies nicht schon getan hätte). Ich muss einfach Ordnung in meine Gefühlswelt bringen!

Nadja! Ich hoffe sehr, dass Du mich jetzt besser verstehst! Ich kann mir vorstellen, dass Du glaubst, ich würde mit den Gefühlen der anderen spielen. Aber pokert nicht auch Manfred mit den meinen? Ich kann nur hoffen, dass mir Christian nichts nachträgt, und ich wünsche mir, dass er – wie Du auch – ein Freund bleibt oder wird.
Man wird sehen. Ich bin gespannt auf Manfreds Reaktion. Wenn er sich von mir trennt, werde ich dies akzeptieren müssen. Ich hoffe aber, dass er mir den Seitensprung verzeiht und vielleicht in Zukunft weniger sein Wollen als vielmehr mich als Person wieder wahrnimmt. Wenn nicht, muss ich mich von ihm lösen, denn so geht es nicht.

So, nun habe ich Dir alles geschildert. Wie wirst Du damit umgehen?

Bitte verzeih mir

Deine Freundin Katja

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