Robert Frost:
The Road Not Taken

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that the passing there
Had worn them really about the same,

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads on to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I –
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.

 

Der unbeschrittene Weg
Zwei Wege verzweigten sich im gelben Wald
Und leider konnte ich nicht beide gehen
Als einsam Reisende entschied ich nicht bald
Und schaute den einen Weg lang so weit es galt
Nur ihn ins Unterholz verschwindend konnte ich sehen.

Drum nahm ich den anderen, denn so wie’s aussah
Machte ich den leichteren Weg zu dem meinen
Auf grasigem Grund gehen lag doch nah
Auch wenn ich einsehen musste und auch einsah
Dass beide Wege gleichviel betreten scheinen

An diesem Morgen wollten mich beide Wege verleiten
Kein Schritt hatte heut die Blätter drauf schon berührt
So wollt ich den andren Weg ein andermal beschreiten!
Wohlwissend, dass weitere Gabelungen mich leiten
Und zweifelnd, ob es mich je wieder hierher zurückführt.

Vielleicht sag ich bedauernd, wenn ich alt
nachdem die Zeit verging jahrein, jahraus:
Zwei Wege gabelten sich in einem Wald,
den wen’ger beschrittenen wählt‘ ich zu bald
das macht den Unterschied bis heute aus.

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november

Jetzt liegen die prächtigen Blätter entmachtet

auf der Erde

und erzählen von lichteren Tagen.

Das Bunt der Wälder weicht schwerem Grau.

Nichts regt sich mehr.

Übrig bleiben Erinnerungen an leuchtende Zeiten

die nötig sind

um gegen das Blei des Heute zu bestehen.

Gedanken an dunklere Zeiten jedoch

erbittern das Herz.

Haltet sie fern, falls ihr könnt!

Wie schön wiegen sich die dunklen, hohen Tannen im Wind, das Geräusch ist still, aber schwer. Je tiefer ich schaue, desto mehr verdichten sich die Farben zu einem Schwarz, das traurig macht, wie es sich auf einem Friedhof auch gehört. Doch das allergrößte Schwarz ist dort, wo später der Sarg hineingelegt wird. Mein Sarg – nein, nicht mein Sarg, der Sarg gehört meinen Eltern, meiner Schwester, meinen Freundinnen und René. Ich brauche den Sarg nicht, denn ich bin frei. Der Sarg ist nur für das, was physisch von mir übrig geblieben ist.
Wenn sie wüssten, dass ich hier bei ihnen bin! Wenn ich ihnen nur sagen könnte, dass ich hier bin, und dass es mir gut geht! So gerne würde ich sie wissen lassen, dass sie sich nicht grämen müssen, dass ich nicht mehr unter ihnen weile!
Ich bin ja selbst ganz erstaunt, dass es mir so wenig ausmacht, nicht mehr unter den Lebenden zu weilen. Dass ich schon jetzt – nach einer Woche Abstand – das Gefühl habe, alles viel klarer zu sehen, als zu meinen Lebzeiten. Ich verstehe jetzt, wie viel Energie es mich gekostet hat, unglücklich zu sein, anstatt meine Zweifel abzulegen und an die Menschen zu glauben, die mich umgeben.
Besonders Sanne dauert mich. Sie habe ich damals so abblitzen lassen, wegen nichts eigentlich. Ich sehe plötzlich glasklar, dass ihr Verhältnis zu meinem Vater zwangsläufig ein ganz anderes sein muss, und dass dies gar nichts mit mir zu tun hat. Dass sie selbst ein wahnsinnig schlechtes Gewissen hatte, weil sie mir verschwieg, dass sie unseren Vater manchmal traf, während er zu mir seit  einem Jahrzehnt keinen Kontakt pflegte. Aber wie hätte sie mir diese Tatsache anvertrauen können, da sie ja wusste, wie sehr mich das verletzt hätte? Ich habe ihr keine Chance gegeben, und was noch schwerer wiegt, mir selber habe ich genauso wenig die Chance gegeben, zu verzeihen und ganz klar für meine eigene Bedürftigkeit, einen Vater zu haben und den Kontakt zu ihm aufzunehmen, einzustehen. Ich habe nicht nur mir das Leben schwer gemacht, das sehe ich jetzt.

Für einige Verwirrung hatte bei Sanne und Mama der Inhalt meines Papierkorbes gesorgt. Zwei Briefe fanden sich dort zerknüllt: Eine Absage auf eine Stellenbewerbung aus Münster und eine Einladung aus Stralsund zu einem Bewerbungsgespräch, das morgen hätte stattfinden sollen. Lange haben sie gerätselt, und waren überhaupt entsetzt, dass ich mich aus Hamburg weg bewerben wollte. Und ich war neben, unter, über, hinter ihnen, habe ihnen wilde Zeichen gemacht, die besagten, dass sie doch wohl nicht ernsthaft glaubten, dass ich sie verlassen wollte? Sie haben es sich dann zum Glück selbst zusammengereimt, wegen der zerknüllten Einladung.
Und jetzt stehen sie hier, an meinem Grab, beide in schwarz gekleidet, mit roten Augen und den traurigsten Blicken, die ich je bei ihnen gesehen habe. René ist auch da. Versteinert ist sein Gesicht, etwas trotzig steht er da, raucht Kette, schon den ganzen Vormittag steckt er sich eine Zippe nach der nächsten an. Ich wünschte, ich könnte ihm wie so oft die Schiebermütze vom Kopf nehmen und ihm mit meinen Fingern durch seine dichten braunen Haare kämmen. Seine Augen sind ja ganz dunkelgrün heute! Da kommt endlich Papa, wieder ein wenig spät, aber das passt ja zu unserem Verhältnis. Gut sieht er aus! Er hat seinen hellen Trenchcoat an, aber darunter ist er schwarz gekleidet. Ich gönne ihm, dass er gut aussieht. Vorhin war ich bei ihm und seiner neuen Freundin. Er ist wohl sehr verliebt. Wie schön, einen solch attraktiven Vater zu haben! Jetzt weiß ich, ich spüre es: Er hat mich auch geliebt. Anders als Sanne, sie war das Wunschkind. Ich war es in gewisser Weise auch, aber ich sollte die Spalte kitten, die sich zwischen den Eltern aufgetan hatte. Vielleicht war es ja die Scham, die Papa davon abhielt, ein ebenso unbelastetes Verhältnis zu mir aufzubauen, wie zu Sanne. Immer ist es diese menschliche Unzulänglichkeit wie Scham, Eifersucht, Neid, Gier, die verhindert, dass die Menschen sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: nämlich auf die Liebe.
Jetzt wo ich nicht mehr lebe, habe ich Zugriff auf all die Erkenntnisse, die eigentlich klar auf der Hand liegen. Warum können sie das nicht leben? Ist es so, dass es entweder das Wissen oder das Leben gibt? Warum sonst weiß ich das jetzt alles, warum konnte ich das nicht so sehen, als ich noch gelebt habe? Aber ich will nicht bereuen.
Es war ja auch wirklich ein ganz dummer Unfall. Normalerweise nehme ich immer einen Bus früher. Nur an diesem Morgen hatte ich mein Handy nicht finden können, ganz profan! Ist es wichtig, sein Handy immer dabei zu haben? Jetzt jedenfalls finde ich eine andere Antwort auf diese Frage als noch vor einer Woche. Ich suchte es also. Als ich dann aus dem Haus lief, war der Bus schon weg, und ich musste ganze 9 Minuten an der Bushaltestelle warten. Ich habe den Wagen erst gesehen, als es schon zu spät war, da war er nur noch zwei Schritte von mir entfernt. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit, mich zu erschrecken. Weil er genau auf mich zuraste, habe ich gar nichts weiter gespürt. In dem einen Augenblick: ein Krachen, im nächsten Augenblick ‚dann trugen mich die Englein fort’, hihi, lustig, ja, aber genau so war das. Und seitdem verstehe ich so viel mehr.

Ach, da unter den Leuten sehe ich ja auch diese Autorin stehen. Nachdenklich sieht sie aus. Auch wenn sie diejenige ist, die mich erfunden hat, und auch, wenn ich durchaus eigene Dynamik entwickelt habe, hat sie wohl jetzt auch ganz viel erkannt. Sie wollte eine Figur erfinden, die unsympathisch ist, und das hat sie sicher auch geschafft. Aber dass dies Gründe hat, das hat sie jetzt auch herausgefunden. Und mit dieser Erkenntnis sind wir ein wenig näher aneinander gerückt. Wer kann schon so, wie er will?

Ist eben alles nicht so einfach, jedenfalls, so lange man noch lebt.

Mitten in der Nacht wurde ich durch ein Geräusch wach. Ein kleiner Lichtschein befand sich direkt neben meinem Bett am Fußende. Er kam von kleinen Streichhölzern, die Maya in ihren steifen Fingerchen hielt. Sie zündelte! „Maya!“ rief ich, „Was tust Du da?“  Mit einem dünnen hohen Stimmchen antwortete sie: „Na, das siehst du doch! Muss ich dir denn alles erklären?“ Ich schluckte. So, wie sie da auf dem Boden saß, mitten in der Nacht, hatte ich sie noch nie gesehen. Ihre Haare standen ihr ein wenig stumpf vom Kopf. Ihre sonst so niedlichen Kulleräuglein waren nicht zu sehen; vielmehr lag ihre ganze Augenpartie in einer dunklen Höhle, die sich wie ein tiefer Schlitz unter ihrer hohen Stirn befand. Ihr Anblick machte mir Angst. Schnell griff ich zum Lichtschalter der Nachttischlampe, um die satanische Stimmung, die von Maya ausging, zu zerstreuen. Aber das Licht ging nicht an. „Geht nicht“, sagte Maya, und hielt grinsend den abgetrennten Stecker der Nachttischlampe hoch. „Kaputt!“ Höhnisch zog sie die Achseln hoch und ließ einen giecksigen Stöhner hören, der mir eine Gänsehaut bereitete. Dann wandte sie sich wieder den Streichhölzern zu. „Kleinen Moment, ich will nur schnell dein Bett anzünden!“ Ich schluckte. „Maya, warum willst du das Bett anzünden?“ „Na, um Dich zu töten“, gab Maya zurück „muss ich dir denn alles erklären?“ Sie schaute nicht einmal zu mir auf, als sie das sagte, sondern versuchte weiterhin, ein neues Streichholz zu entzünden und dann gegen den Bettpfosten aus Holz zu halten.
„Ja, das musst du“, gab ich zurück. Jetzt bemerkte ich, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte, wahrscheinlich war ich gefesselt. Mir wurde heiß vor Entsetzen, bis mir der Schweiß von der Stirn rann. Ich versuchte mich zu beruhigen, aber ich bekam beinahe keine Luft. Sollte ich jetzt auch noch einen Asthmaanfall bekommen?
Maya hielt inne und schaute mich an. Ihre Augen waren noch immer nicht zu sehen, nur ihr hassverzerrter Mund und ihre hochgezogenen Schultern strahlten eine Aggressivität aus, wie ich sie nie an ihr vorher wahrgenommen hatte. „Du weißt, warum ich dich umbringen muss“ sagte sie nun, „wegen Onkel Waldemar!“ Ich schluckte, und mir wurde noch heißer. Onkel Waldemar war der Bruder der Frau meines Onkels, also angeheiratete Verwandtschaft. Ich hatte ihn in meiner Kindheit, vielleicht mit 11 Jahren, zuletzt gesehen.

Es war auf einer Familienfeier, und er spielte mit uns Kindern verstecken. Er war sehr nett zu uns. Als er mich einmal aufforderte, mich mit ihm zusammen zu verstecken, entfernten wir uns ein Stückchen von der Lichtung, auf der unsere Familie ein großes Grillfest veranstaltete.
Hinter einem Busch versuchte er, mich zu küssen, indem er seine Zunge in meinen Mund schob. Ich erinnere mich genau, wie abstoßend und eklig ich den eben noch netten Onkel plötzlich fand. Ich wollte weglaufen, aber er hielt mich fest am Arm. Ich schrie und konnte mich endlich losreißen. Panisch und verängstigt lief ich zu meiner Mutter und erzählte ihr von der eben erlebten Szene. Meine Mutter schlug sofort Alarm und ließ die Polizei kommen, was von dem Rest der Verwandtschaft stark kritisiert wurde. Ich weiß noch, wie ich mich zitternd in ihre schützenden Arme schmiegte, während sie selbst zitterte. Wir standen wohl beide unter einem kleinen Schock.
Onkel Waldemar lief zwar fort, erhielt aber später eine Anzeige wegen Körperbelästigung, glaube ich. Von da an war er in unserer Familie tabu. Wir redeten nicht über ihn. Viel später, als ich ungefähr Mitte zwanzig war, erfuhr ich, dass Onkel Waldemar kurze Zeit nach diesem Vorkommnis in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde, angeblich wegen eines Nervenzusammenbruchs. Dort sollte er, nach gut 15 Jahren, noch immer leben. Wo er sich heute befindet, weiß ich nicht. Mittlerweile war ich ja 52 Jahre alt! Und mein halbes Leben hatte ich nicht mehr an dieses Ereignis gedacht.

Mayas Worte trafen mich. „Wie meinst du das?“ fragte ich zurück, „ich bin doch nicht Schuld an Onkel Waldemars Schicksal!“ „Bist du doch!“ entgegnete Maya trotzig. „Aber darum geht es heute nicht. Es muss endlich Schluss sein mit Onkel Waldemar und dir!“ Bevor ich entgegnen konnte, dass ich ihn doch schon eine Ewigkeit nicht gesehen hätte und ich nicht verstand, wie sie das meinte, fing der Bettpfosten Feuer, und mein linker Fuß wurde heiß, so heiß!
Dann erwachte ich, atemlos und schweißgebadet in meinem Bett. Vom Heizkissen aus, das ich mir unter meine immer kalten Füße gelegt hatte, ging ein merkwürdig elektrischer Geruch aus. Im Zimmer war es stockdunkel, und meine Nachttischlampe ging nicht an, als ich versuchte sie anzuknipsen. Auch mein Radiowecker war aus. Dann verstand ich: Kurzschluss! Mein Herz pochte noch, als ich das Heizkissen aus der Steckdose zog und dann zum Sicherungskasten tapste. Langsam beruhigte ich mich wieder. Schließlich ging ich zurück in mein Schlafzimmer.
Auf der Kommode saß, als wäre nichts gewesen, meine Puppensammlung, darunter auch Maya. Sie war meine älteste Puppe, die mir mein letzter Freund geschenkt hatte. Ich schaute die Puppe an: Sie hatte wieder die hübschen großen Kulleräuglein, die aus einem friedlichen Pausbackengesicht zu mir herüberschauten. Sie war wie immer gut frisiert, mit einer kleinen glitzernden Spange in ihrem glänzenden Haar. Ihr Mund war entspannt. Natürlich war er das! Schließlich ist Maya doch nur eine Puppe!
Dennoch nahm ich sie, zog mir meinen Morgenmantel über und öffnete die Haustür. Die Nachbarn mögen sich gewundert haben, warum sie im Innenhof nachts um vier Uhr das Klappern des Mülleimers wahrnahmen, aber das musste einfach sein, nach diesem Traum.

Gerlinde Siegburg betrat den Raum der kleinen Bankfiliale wie jeden Donnerstag. Sie war nicht in bester Stimmung, weil sie sich über einen Wagen geärgert hatte, der sich auf dem Bürgersteig direkt vorm Eingang der Bank breit gemacht hatte und mit laufendem Motor stank und störte. Aber im nächsten Moment war sie in Gedanken wieder bei ihrem Einkauf, den sie gleich machen wollte. Wenn ihr Benny am Freitag Abend zum Essen kam, wollte sie alles dahaben, was er gerne mochte.

Kurz hinter dem Eingang sah sie einen Mann auf sie zukommen. Doch anstatt vorwärts zu gehen, ging er rückwärts. Gerlinde nahm zu spät wahr, dass sie ihm im Weg war, und so wurde sie beinahe von ihm umgerammt. Sofort schoss ihr Wut ins Gesicht. ‚Diese jungen Leute heute – kein Benehmen!’ dachte sie und schaute dem Mann zornig ins Gesicht. Aber das wiederum war mit einem übergestülpten Strumpf vermummt. In dem Bruchteil einer Sekunde, in dem sie sich in der Filiale umschaute, erkannte sie, was wirklich geschehen war: Der Mann war ein Bankräuber! Scharf sog sie die Luft durch den offen stehenden Mund ein, und innerhalb kürzester Zeit wich alles Blut, das ihr eben noch vor Wut in den Kopf gestiegen war, aus dem Gesicht. Leichenblass und mit weit aufgerissenen Augen japste sie nach Luft. Ein schrilles Geräusch drang an ihr Ohr, das sich mit einem klingelnden Ohrensausen vermischte. Ihr Herz fing an, wie wild zu pochen. Die Hände hatte sie mit den Innenseiten gegen ihre Brust gepresst, so dass ihre Handtasche wie ein Panzer vor ihrem Bauch baumelte. Gerlinde wurde etwas schwindlig und wollte sich gegen eine Zimmerpflanze lehnen, die im Raum stand. Da diese keinen Halt bot, stolperte sie einen Schritt zurück und konnte sich gerade noch rechtzeitig fangen, bevor sie wirklich hingefallen wäre. Obwohl sie keinen klaren Gedanken fassen konnte, fand sie ganz dicht bei ihr eine kleine Bank, auf der sie sich plumpsend niederließ. Dann sah sie, dass die Kassiererin, Frau Bierlot, einen hysterischen Schreikrampf erlitt – doch plötzlich wurde es still: Frau Bierlot brach ohnmächtig zusammen. Zwei Kollegen lugten unter ihren Schreibtischen hervor und einer krabbelte auf allen vieren, angstvoll um sich schauend, zu der eben zusammengebrochenen Kassiererin, und brachte diese in die stabile Seitenlage.
Eine Hand legte sich auf Gerlindes Schulter. Sie zuckte zusammen und stieß einen spitzen Schrei aus. ‚Beruhigen Sie sich, Frau Siegburg!’ Es war der Filialleiter, Herr Kloppenburg. ‚Die Gefahr ist vorüber!’ Sie schaute ihn an. Auch er war leichenblass, seine Lippen waren seltsam blutleer und die mit Wasser gefüllten Augen auf unnatürliche Weise aufgerissen. Gerlinde klammerte sich an den Arm von Herrn Kloppenburg, der sich jetzt auf die Bank niederließ und ebenfalls ihren Arm umklammerte, als brauche er wie sie ein wenig Zuwendung. Dann – endlich! – hörten sie das Martinshorn. Die Polizei und der Rettungswagen waren unterwegs.

Liebe Nadja!

Es ist mir sehr wichtig, dass Du verstehst, warum ich mich so verhalten habe, wie ich es getan habe. Ich kann auch verstehen, dass Du sauer auf mich bist, aber kann nur hoffen, dass Du Deinen Groll ablegst, wenn Du diesen Brief gelesen hast. Mir tut es Leid, was ich angerichtet habe, das musst Du mir glauben!

Seit 2 Jahren bin ich mit Manfred zusammen, und wir haben uns sehr gut kennen gelernt. Ich liebe Manfred, und doch habe ich manchmal das Gefühl, dass diese Beziehung doch nicht alles gewesen sein kann, was auf mich wartet… Ich habe nicht vor, mich von Manfred zu trennen, zu keinem Zeitpunkt hatte ich das. Aber vielleicht bin ich noch nicht oder jedenfalls nicht reif genug für eine Beziehung, die auf Dauer ausgelegt ist. Verstehst Du, wie ich das meine? Oh, es ist schwer, meine Gefühle in Worte zu packen…. Manfred ist so ein treuer, lieber Begleiter, so einer findet sich nicht so schnell noch einmal. Ich weiß das, oder ahne das, wenn ich Beziehungskuddelmuddel bei anderen Pärchen erlebe, wie beispielsweise bei Anna und Simon – Du erinnerst Dich? Wir hatten Simon ertappt, wie er mit Fiona herumgeknutscht hat, der kann nicht treu sein… So etwas würde Manfred niemals tun. Für ihn bin ich – oder war ich es? – die einzige Frau in seinem Leben. Er würde mich nie betrügen!
Vielleicht kannst Du es nicht nachvollziehen, dass genau diese Art von Treue manchmal schwer auszuhalten ist…. Ich weiß ja, wie sehr Du Dir einen Freund wünschst, und wie viel Pech Du in der Vergangenheit mit den Männern hattest. Und nun habe ich genau das, was Du Dir so sehnlich wünschst, und schreibe Dir, dass ich das nicht aushalten kann! Aber genau so ist es…

Vor ungefähr drei Monaten fragte mich Manfred, ob ich ihn heiraten würde. Spontan habe ich ‚ja’ gesagt – schließlich liebe ich diesen Mann ja. Ab diesem Moment konnte ich nachts nicht mehr richtig schlafen. Ich habe nicht verstanden, was mit mir los war, aber etwas hatte mir meine Ruhe geraubt. In der Folge wurde ich ungerecht und unfreundlich zu Manfred. Der verstand die Welt nicht mehr. Er begann, über unsere Hochzeit zu reden, wollte einen Termin festmachen, schrieb in Gedanken einen Einladungstext und sprach von kirchlicher Trauung. Und ich? Konnte diese Gespräche kaum aushalten und wusste trotzdem nicht, was los war mit mir. Ich wurde immer verwirrter und unfreundlicher und ertappte mich sogar dabei, dass ich heimlich hoffte, dass mich Manfred verlassen würde, wenn ich weiter so unausstehlich zu ihm war. Doch nichts half. Manfred hielt an mir und seinen Heiratsplänen fest. Und ich hatte einerseits ganz zärtliche, aufrichtige Gefühle für ihn, wenn ich ihn nicht sah, und konnte seine Anwesenheit kaum ertragen, wenn ich ihn sah.

Und dann war ich diesen einen Abend bei Dir zum Fernsehabend eingeladen und Dein Bruder Christian war ebenfalls bei Dir zu Besuch. Du erinnerst Dich sicher gut, wie ich begann, mit ihm zu flirten. Es muss ein merkwürdiger Abend für Dich gewesen sein, weil Du ja bestimmt merktest, dass wir uns nicht egal waren. Und gleichzeitig wusstest Du ja von meiner Beziehung mit Manfred.
Jedenfalls haben Christian und ich uns seit diesem Abend regelmäßig getroffen, ich denke nicht, dass ich Dir damit Neuigkeiten erzähle! Und schließlich hatten wir diese Affäre miteinander. Vielleicht ist Dir das neu, aber ich muss es einfach loswerden, denn dann wirst Du auch Christian besser verstehen, der sich ja in dieser Zeit geradezu liebestoll aufführte, wiewohl wir übereingekommen waren, niemandem ein Sterbenswörtchen von unserer Geschichte zu erzählen. Ich weiß noch, wie Du den Kopf geschüttelt hast über Christian, weil er plötzlich dauernd zu Dir zu Besuch kam, in der Hoffnung, mich zu treffen. Das ging vielleicht vier Wochen so mit uns, bis Du ihm dann wohl – zufällig oder auch nicht – von mir und Manfred erzählt hast. Jedenfalls nehme ich an, dass er von Manfred und mir erfahren hatte, weil er sich von einen auf den anderen Tag von mir zurückzog. Und ich? War nichts als ein wandelndes schlechtes Gewissen, einmal Manfred gegenüber, den ich nur noch theoretisch leiden konnte, während ich mich praktisch Christian zugewandt hatte, den ich zwar sehr schätze, aber doch niemals geliebt habe. Ich hoffe, Dich als seine Schwester treffen meine Worte nicht! Ich möchte aber jetzt endlich bei der Wahrheit bleiben und niemanden mehr belügen!

Bevor ich diesen Brief an Dich angefangen habe, schrieb ich einen an Manfred, mit dem Inhalt, dass ich unsere Verlobung lösen muss, da sie mir den Atem raubt, und auch an Christian, dem ich geschrieben habe, wie sehr ich die Geschichte mit ihm genossen habe, aber nun einen Schlussstrich ziehen muss (als wenn er dies nicht schon getan hätte). Ich muss einfach Ordnung in meine Gefühlswelt bringen!

Nadja! Ich hoffe sehr, dass Du mich jetzt besser verstehst! Ich kann mir vorstellen, dass Du glaubst, ich würde mit den Gefühlen der anderen spielen. Aber pokert nicht auch Manfred mit den meinen? Ich kann nur hoffen, dass mir Christian nichts nachträgt, und ich wünsche mir, dass er – wie Du auch – ein Freund bleibt oder wird.
Man wird sehen. Ich bin gespannt auf Manfreds Reaktion. Wenn er sich von mir trennt, werde ich dies akzeptieren müssen. Ich hoffe aber, dass er mir den Seitensprung verzeiht und vielleicht in Zukunft weniger sein Wollen als vielmehr mich als Person wieder wahrnimmt. Wenn nicht, muss ich mich von ihm lösen, denn so geht es nicht.

So, nun habe ich Dir alles geschildert. Wie wirst Du damit umgehen?

Bitte verzeih mir

Deine Freundin Katja

Tag 23: Bunt

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