Susanna und Brigitte kannten einander noch nicht lange, erst seit einem halben Jahr. Sie hatten einen gemeinsamen Kurs an der Uni besucht, sich für das selbe Thema für ein Referat interessiert und eine Arbeitsgruppe gegründet. Und heute sollte das Treffen zum ersten Mal bei Brigitte stattfinden.
Schon gleich, als Susanna eintrat, strömte ihr ein bekannter Duft entgegen – nur fiel ihr überhaupt nicht ein, woher sie den Duft kannte. Er war süßlich-schwer und so intensiv, dass er ihr schon fast unangenehm wurde. Und doch war es ein Gefühl von Geborgenheit, das in ihr aufstieg. Sie erinnerte sich plötzlich an Topfkuchen, Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen und an die Märchen aus 1001 Nacht – warum nur?

Als Brigitte einige Kekse und Tee auf den Tisch stellte, meinte Susanna plötzlich: ‚Meine Oma hat auch immer diese Kekse gehabt‘ – und schaute dann noch einmal genau hin: Nein, das stimmte gar nicht. Diese Kekse waren gerade eine neue Kreation (so hießen sie auch), es konnte also gar nicht sein, denn ihre Oma war schon seit 10 Jahren tot. Wie kam es nur, dass sie solche Behauptungen aufstellte?

Erst am Abend, als Susanna schon wieder zu Hause war, fiel es ihr ein: Der intensive Duft in Brigittes Wohnung, der von einem Strauß Lilien herrührte und den Brigitte während des Arbeitstreffen auf den Balkon verbannt hatte, war der selbe wie oft im Haus ihrer Großmutter. Diese hatte Lilien auf ihrem Balkon gepflanzt, und an warmen Tagen, wenn sie die Tür des Balkons lange offenließ, strömte jener Lilienduft in die Wohnung.

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