In dem Garten meiner Eltern stand eine Kastanie. Als ich sie (und sie mich) eroberte, war sie schon über 20 Jahre alt. Meine Großmutter hatte wohl einen kleinen Ableger im Wald ausgegraben und in unseren Garten gesetzt. Der Baum blühte weiß, und seine Blätter faszinierten mich immer: Man konnte sie zwischen den stärken Triebadern einreißen, und doch blieb die Struktur des Blattes erhalten, wenn auch das Blatt zerstört war. Ich erinnere mich, dass ich viele, viele Blätter, über Jahre immer wieder auf diese Weise sezierte. Dem Baum machte das nichts; er war so stark und kräftig.

Wir kletterten als Kinder in ihm, freuten uns, wenn wir hoch im Baum Übersicht über den ganzen Garten hatten und doch durch die dichten Blätter versteckt waren. So ging für mich sowahl etwas Bergendes von diesem Baum aus als auch etwas Gefährliches, denn nicht nur, dass ich mich in dem Baum verklettert habe und nur mit Herzklopfen den Weg zurück fand, so mussten wir uns beim Herauf- und Herabklettern immer gut vorsehen, damit uns nichts geschah.

Die Kastanie war wie ein Stück Leben für mich. Die Pracht der Krone und die schöne Blüte waren wie das Glück selbst. Ich fühlte mich sicher in ihr, doch ständig von Herausforderungen bedroht. Die Früchte und die Blätter spendeten Phantasie, doch riefen auch Streit hervor (einmal ernteten die Nachbarkinder fast alle Kastanien, dabei waren es doch meine!).

Ich erinnere mich gern an diesen prächtigen Baum. Zu gern hätte ich auch einen in meinem Garten. Doch der ist dafür zu klein.

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