Streng genommen waren ihr Tulpen egal. Die gelborangenen wie überhaupt alle anderen Tulpen auch. Und dennoch war ihr Vorgarten im Frühling ein einziges Tulpenparadies.

Die Form dieser Blumen fand sie eher langweilig, geradezu einfältig, und die Farben waren ihr oft zu bonbonhaft, obwohl sie das Heitere, das von diesen Pflanzen ausging, durchaus wahrnahm und dann wieder auch mochte.
Ihr Mann beschwerte sich jeden Frühling über die Tulpen, ihm war das alles viel zu bunt und vor allem zu unelegant. Er liebte es, wenn die Blütenfarben fein aufeinander abgestimmt waren und sich in einem harmonischen Reigen verbanden. So war seine Lieblingszeit im Vorgarten der Sommer, denn dann war es so. Aber er musste die Marotte von seiner Frau akzeptieren, denn sie wich nicht davon ab, die Pflanzen dort blühen zu lassen, auch wenn sie sich über die Gründe nicht äußerte. Er hätte das nicht verstanden – das jedenfalls war ihre Angst.

Die Tulpen waren die Lieblingsblumen ihrer Freundin gewesen. Vor langer Zeit schon ist sie gestorben, doch sie dachte noch immer viel an sie. Sie erinnerte sich, dass sie einen Frühlingsgarten hatte, der vor Tulpen beinahe überlief. Bevor sie anfingen, im Garten zu wachsen, holte sich die Freundin Tulpenzwiebeln ins Haus, und so gab es bei ihr von Januar bis fast in den Mai ununterbrochen Tulpen in allen Farben und Formen.

Im Frühling, wenn die ersten Tulpen begannen zu blühen, verging kein Tag, an dem sie nicht an ihre Freundin dachte. Und vielleicht war es die Zeit, in der sie sich am wenigsten allein fühlte.

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