Diana betrachtete ihre Tochter, die am Esstisch, aufgestützt auf einen Ellenbogen, über ihren Übungsbüchern tatsächlich eingeschlafen war. Angela saß da mit geröteten Wangen vom Lernen, und die hohe Stirn, die sie von ihrem Vater geerbt hatte fiel ihr wieder einmal besonders auf. Vor ihren Büchern stand eine Schale mit Pfirsichen, Nektarinen und Pflaumen, daneben eine Flasche Wasser. Ihr Halstuch hatte sie achtlos danebengelegt – kein Wunder, es war sehr heiß im Wohnzimmer, dass sie es abgelegt hatte. Die grob gemusterte Brokatjacke lag ebenfalls auf dem Tisch. Angela ist unordentlich, dachte Diana für sich, und fand sich im selben Augenblick etwas zu hart. Schließlich ist sie mitten in den Prüfungen…
Diana zögerte damit, ihre Tochter zu wecken, damit sie dann wirklich den Weg ins Bett fand. Zu schön war das Bild. Denn Angela war schön: Ihre Nase war wohlgeformt, nicht zu klein und auch nicht zu groß. Die Lippen waren fein geschwungen und zugleich bildeten sie eine feste Linie mit klaren Konturen. In dieser Haltung bewunderte Diana das ebenfalls ausdruckstarke Kinn, das ihrer schnellen Entschlussfreudigkeit genauso entsprach wie ihre oft entschiedene Haltung. Das ganze Gesicht strahlte Intelligenz aus, und das machte Diana sehr stolz. Trotz aller Differenzen zwischen Mutter und Tochter sah sie doch, wie viel Kraft und Klugheit in Angela steckte.
Die Tür zum Flur hinter dem Mädchen stand ein wenig offen, und das warme gelbliche Lich drang von dort in den Raum. Bald, nach ihren Prüfungen, würde Angela durch diese Tür treten und das Zimmer, die Wohnung und vielleicht sogar die Stadt verlassen. Das war der Lauf der Dinge; und doch schmerzte es Diana, daran zu denken. Gleichzeitig wäre es auch für sie das Ende eines langen Zeitabschnitts, und neue, spannende Möglichkeiten würden sich vielleicht für sie entspinnen, wenn die Tochter aus dem Haus war.

Noch eine ganze Weile saß Angela da und betrachtete ihre Tochter. Sie erinnert mich an das schlafende Mädchen von Vermeer, dachte sie, auch dort: so still und anmutig. Schade, dass Angela sich dafür nicht interessiert.

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