Ich hatte Maren vorher noch niemals besucht, denn sie wohnte ein wenig außerhalb der Stadt, in entgegengesetzter Richtung, so dass ich beinahe eineinhalb Stunden brauchte, um zu ihrem Haus zu gelangen. Maren wohnte auf einem alten, nicht mehr betriebenen Bauernhof; Stück für Stück hatten sie und ihr Mann das alte Gemäuer renoviert, und jetzt war es urgemütlich. Nach dem Mittagessen stellte sie einen Korb frischgepflückter Stachelbeeren auf den Tisch.

Die Stachelbeeren – ich hatte diese Frucht beinahe vollständig vergessen! – weckten alte, verschüttete Erinnerungen in mir. Es waren die Früchte, die ich in meiner frühen Kindheit kennengelernt hatte.

Ich erinnerte mich: Ich war zu Gast bei meiner Großmutter, das war weit vor meiner Schulzeit, ich war vielleicht erst drei oder vier Jahre alt. Auch sie wohnte auf dem Land, und sie hatte einen riesigen, Garten, der mir verwunschen vorkam. Ich stellte mir manchmal vor, dass die Elfen, von denen mir meine Großmutter erzählte oder vorlas, in ihrem Garten wohnten und darauf aufpassten, dass meine Großmutter die Blumen regelmäßig goss und die Früchte rechtzeitig erntete. Der Garten war auch zu groß, um dort jedes Beet zu pflegen. Ich erinnere mich an eine Wiese, die sich hinter einem Jasmin befand. Dort befand sich neben einer Schaukel, die schon sehr lange dort stehen musste, eine wunderbare Blumenwiese, die meine Großmutter niemals mähte. Deshalb hatten sich dorthin viele Schmetterlinge und seltene Insekten eingefunden. Manchmal legte ich mich in die Wiese, betrachtete, wie die Schmetterlinge, Hummeln und andere Insekten geschäftig über mich hin- und herflogen und lauschte dem Summen und Brummen. Die Schaukel benutzte ich nie. Doch manchmal stellte ich mir vor, wie die Elfen dort spielten; ihre Flügel und filigranen Körper glänzten im Sonnenlicht, und ich meinte, ihre hellen Stimmen zu hören.

Meine Großmutter hatte viele Früchte in ihrem Garten. Am Liebsten hatte ich den hohen Birnenbaum, von dem sie erzählte, dass er erst nach zwanzig Jahren begann, Früchte zu tragen, und er hatte genau in dem Jahr damit begonnen, in dem ich geboren wurde. Ich liebte die süßen Birnen von dem Baum, und ich fühlte mich mit ihm auf besondere Weise verbunden, weil er, so dachte ich es mir, anlässlich meiner Geburt begann, Früchte zu tragen – mir zuliebe!

Und meine Großmutter hatte auch Stachelbeeren in ihrem Garten. Diese Früchte waren mir nicht ganz geheuer. Erst einmal waren es grüne Beeren, nicht rot oder schwarz wie die anderen. Dann hatten sie einen sauren Geschmack, waren leicht herb, und hinterließen ein pelziges Gefühl auf der Zunge. Trotzdem mochte ich die Stachelbeeren auch.

Doch mit der Zeit habe ich das Genießen der verschiedensten Früchte zwar beibehalten. Nur die Stachelbeeren gab es so selten zu kaufen, und so vergaß ich diese Frucht einfach.
Meine Großmutter starb, als ich sieben Jahre alt wurde. Ihr Haus wurde verkauft, und mit der Zeit verblasste die Erinnerung an sie und die wenigen Sommer, die ich bei ihr verbracht habe.

Und nun saß ich hier bei Maren auf der Terrasse, und die Erinnerung an meine Kindheit, an meine Großmutter und ihrem verwunschenen Garten stieg in mir auf, als wäre es gestern gewesen. Ich nahm eine Stachebeere und ließ sie zunächst in meinem Mund wie eine Murmel hin- und herrollen, wie ich es als kleines Kind zu tun pflegte. Dann zerbiss ich die Frucht; und aus dem Geschmack strömte die ganze Erinnerung heraus und belebte meine Seele.

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