Herr Doktor, man könnte meinen, ich hätte den coolsten Job, den es gibt! Und dann auch noch in Teilzeit! Nein, das ist eigentlich nicht richtig, wenn ich das so sage, denn ich selbst bin es ja, die Teilzeit! Würde man mich mit einer endlichen Menge von Zeit vergleichen, beispielsweise der Zeit von dem ersten Dino bis heute, wäre ich einerseits zwar so gering und kurz, dass ich eigentlich nicht wahrnehmbar wäre. Selbst, wenn man mich mit einem Menschenleben von beispielsweise 80 Jahren vergleicht, komme ich zeitmäßig schlecht weg. Nichts ist das. Könnte man denken. Und doch ich bin etwas. Etwas Besonders.

Haben Sie sich schon mal gefreut? Vielleicht, als Sie mal bei einer Tombola etwas gewonnen haben? Oder beim Geburtstag, über ein Geschenk, das Sie sich schon lange gewünscht haben? Sind Sie verheiratet? Wie ist es mit dem Kuss vorm Traualtar… Na, klickert was bei Ihnen? Wissen Sie schon, wer ich bin? Genau. Ich bin die Zeit der besonderen Momente. Streng genommen bin ich nur die Sekunde, in der bei Ihnen die Freude – und zwar die große! – ankommt. Und nun sagen Sie mal: Es ist immer nur ein klitzig-kleiner Moment, in dem die erste Freude stattfindet, aber einer, den Sie vielleicht nie vergessen werden. Deshalb bin ich etwas Besonderes: Ich bin genau die Teilzeit, die Sie sehr lieben, weil Sie sich gern an sie erinnern.

Tja, das bin ich. So bin ich. Ich bin verantwortlich für die großen Glücksmomente. Und das ist schön.

Mein Alltag sieht allerdings etwas anders aus. Wie schon erwähnt, könnte man ja nun meinen, dass ich im Vergleich zu der anderen Zeit, die Ihnen unter den Händen zerrinnt, nicht viel zu tun habe. Und das stimmt einerseits. Ich habe ja nur den Verwaltungsaufwand, denn es gilt, diese Glücksmomente haargenau im großen Buch der Freude einzutragen und zu begründen.

Das wäre eigentlich auch – in Anbetracht der Fülle der Zeit – relativ schnell erledigt. Aus persönlichen Gründen aber gelingt es mir oft nicht, mein Pensum zu schaffen. Denn, vielleicht können Sie es sich ja vorstellen, vielleicht auch nicht, leide ich unter einer großen Schwermut. Ja. Schuld daran sind natürlich Sie, eigentlich Sie alle! Sie machen mir das Leben schwer! Warum? Na, das liegt doch auf der Hand! Denken Sie doch mal nach, wie oft Sie sich im Leben von ganzem Herzen freuen. Wie viele Momente mögen das sein? Pro Jahr? Pro Monat? Neinein, da kommt nicht jeden Monat etwas. Die kleineren Freuden fallen ja leider nicht in mein Ressort, die bearbeitet mein Teilzeit-Kollege für die kleineren Freuden des Alltags, und der ist auch viel ausgelasteter, der muss ja schon verbuchen, wenn sich jemand über die ersten Blumen im Frühling freut… Ich hatte den Job, bevor man mich befördert hat, dort hatte ich Stress pur, aber positiven Stress! Man versprach mir mehr Ansehen und weniger Arbeit, klar habe ich da zugegriffen. Aber das bereue ich jetzt natürlich sehr. Denn mit meiner Schwermut habe ich nicht gerechnet. Wenn ich da so sitze und auf meinen Einsatz warte, das große Buch, in dem so wenig einzutragen ist, auf meinen Knieen, könnte ich manchmal heulen. Ist die Welt denn so trüb, dass man sich so selten von Herzen freut?

Herr Doktor, Was raten Sie mir? Was soll ich tun? Gibt es eine Therapie gegen meine Schwermut oder ein Medikament? Oder liegt es vielleicht an dieser Zeit? Ist vielleicht etwas dran, dass früher alles besser war? Vertreten Sie diesen ganzheitlichen Ansatz, oder sehen Sie nur meine Symptome so isoliert wie meine Arbeit?

Huch, nanu, was suchen Sie denn hier, Herr Kollege? Sind Sie nicht… Sie sind doch, ja, zuständig für die kleinen Depressionen des Alltags… Ohje, was habe ich angetan? Habe ich ihn jetzt in Depressionen gestürzt… Entschuldigen Sie, Herr Doktor, das wollte ich nicht! Ähm, ich geh dann mal… Ich seh‘ schon, hier bin ich falsch… Was meinen Sie, Herr Kollege? Ich sollte mich mal in der Abteilung für chronische Zeiterkrankungen melden? Ja, ja, das wrede ich tun. War wohl ein Fehler, mich an einen Arzt aus meiner Klientel zu melden. Jaja, ich geh ja schon.. – oh, Sie kommen schon mit? Schon fertig hier? Ah, ich verstehe, es war nur eine kleine Traurigkeit beim Arzt. Ach, da kommt schon der nächste Patient! Ein Armbruch! Na, da weiß man ja, was man hat.

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